Heimatgefühle : Wo die Fremde wohnt

Heimat ist nicht zu Hause: Warum ich Deutschland verlassen habe - und in Irland ein neues Leben beginne.

Antje Joel

Ich wüsste so gern: Was ist Heimat? Wie entsteht dieses Gefühl: zu Hause zu sein? Worin gründet es, was braucht der Mensch, um es zu entwickeln? Seine Zugehörigkeit, zu einem Land, einer Gesellschaft, wie ist die zu finden? Viel wichtiger ist mir noch die Frage: Warum finde ich diese Zugehörigkeit nicht? Ich fühle mich, seit ich denken kann, heimatlos. In keiner Erde verwurzelt. Ich bin das Kind einer deutschen Mutter und eines kroatischen Vaters, den ich nie kennengelernt habe. Ich nehme an, dieser Umstand ist nicht Heimatlosigkeitsgrund genug. Ich bin aufgewachsen im Weserbergland. Durch und durch deutsch sozialisiert. Mit Sauerkraut, Erbsensuppe und einer von meiner Mutter und meinem deutschen Stiefvater vehement eingeforderten, von mir nie geschafften Ordnung und Pünktlichkeit. Das alles ist nicht meins. Ich habe in der Lüneburger Heide gewohnt. Wo ich mich wohl fühlte. Aber nicht zu Hause. Ich wohnte elf Jahre in einem Ort an der nordfriesischen Küste, aus dem ich nach dem ersten halben Jahr schon hätte wegziehen sollen. So wenig behagte er mir. Zu Hause, wo kann das sein? Ich hab's im eigenen Land nicht gefunden. Darum beschließe ich, Anfang 2008, es in der Fremde zu suchen. In Irland.

Wem immer ich davon erzähle, der fragt: "Und warum? Wie kommt man darauf, nach Irland zu gehen? Was willst du/was wollen Sie da?" Sie fragen es mit einer Selbstsicherheit, als sei ich ihnen die Antwort tatsächlich schuldig. Diese Selbstsicherheit verwirrt mich. Warum nach Irland? Ich denke: Vielleicht ist das ja eine berechtigte Frage. Vielleicht verwirrt sie mich nur so sehr, weil ich keine Antwort weiß. Irland. Es gibt auch solche, die sagen: "Irland, toll! Würde ich auch gerne hinziehen. Täte ich auch, wenn das nicht alles so schwierig wäre." Würde ich gern ... Täte ich auch ... Das war ich auch. Über Jahre. Jetzt erlebe ich mich als entschieden.

Gleich darauf befällt mich ob dieser Entschiedenheit Angst. Irland! Was will ich in Irland? Wie komme ich nur darauf, ich könnte da leben? Wovon will ich leben? Vom Schreiben? War doch schon in Deutschland nicht leicht. Ich denke: Zur Not kann ich noch immer gegen Geld Guinness ausschenken. Und dann darüber schreiben. Ich denke: Was, wenn ich mich in der Fremde noch fremder fühle als in der (vemeintlichen) Heimat? Was, eine gewisse Normalität meiner Person vorausgesetzt, wahrscheinlich ist. Ich suche verzweifelt nach Gründen zu bleiben. Zum Beispiel: Ich, die ich mich seit Jahren nicht mehr verliebt habe, verliebe mich eben schnell. Um gleich darauf zu finden: Das ist keine Lösung! So schnell wie ich nach der Liebe gegriffen habe, lasse ich sie wieder ziehen. Und fühle mich heimatloser denn je. Ich habe keinen Grund zu bleiben, und ich finde keinen (vernünftigen) Grund zu gehen. Nach Irland.

Ich bin nie in Irland gewesen. Ich kenne niemanden dort. Fast alle Iren, die ich kenne, leben in Deutschland. Wenigstens einer von ihnen, der kleine, breite, so rothaarige wie rotgesichtige Danny aus Cork, seit einem Vierteljahrhundert Schreiner im Großraum Hannover und "oh, yes, very happy here", will nicht verstehen, warum ich nach Irland will. "Für jeden Arztbesuch musst du bezahlen!" In Irland habe ich keine Krankenversicherung, die die Besuche deckt. "Und!", ruft Danny, "Du hast Kinder!" Vier, die mit mir gehen. Die Kinder kennen Irland nicht. Sie finden die Idee gut, blöd, spannend, beängstigend, irgendwie gut. In dieser Reihenfolge und manchmal auch alles zugleich. Es ist mein Zwölfjähriger, der schließlich sagt: "Ich finde es gut, eine Mutter zu haben, die nicht nur darüber redet, sondern es macht."

Ich bin erleichtert und denke doch: Danny hat recht, ich bin ein Idiot. Wir sprechen noch mal darüber, am ersten Wochenende im Juli, an dem er und ich uns jedes Jahr treffen, auf Harrys Irish Farm Festival im Wendland, wo ich Danny (der noch um ein Vielfaches rotgesichtiger ist und dessen Wangen von Freitagabend bis Sonntagmittag tränennass glänzen) beidhändig stützen muss, damit er bei seinem mit vollem Körpereinsatz gesungenen "Oh, Dannyboy" und all den anderen irischen Heimwehballaden nicht hintenüber schlägt. Irland ist ein Heimwehland.

Im Frühjahr: Das Haus ist verkauft. Ich muss also gehen. Wohin? Ich studiere Wohnungsangebote im benachbarten Dänemark und fühle mich dabei nicht wohl. Ich denke an Irland und daran, dass dieses Land über die Maßen katholisch ist. Ich bin über die Maßen katholisch erzogen und habe lange gebraucht, um mich davon zu erholen. Ich spreche viel besser Englisch als Dänisch. Dänemark hat ein ordentliches Krankenversicherungssystem. An manchen, nicht wenigen Tagen, reicht meine Verwirrung zu Tränen. Meine Freundin Melanie sagt: "Warum nicht in Deutschland bleiben?" Ich rufe: "Auf keinen Fall!" Und kann nicht begründen, warum. Anfang Juli fahre ich für vier Tage nach Irland, um ein Haus zu suchen und finde es sofort: Aus- und umgebaute Feldsteinscheune, fünf Zimmer, im überaus grünen Herzen des Landes. Der Vermieter heißt Kieran, wie mein ältester Sohn. Aus unerfindlichen, vielleicht falschen Gründen entwickele ich ein Jetzt- gehe-ich-nach-Hause-Gefühl.

Letzte Tage in Deutschland. Plötzlich erscheint mir alles so lieblich. Ende Juli. Im Regen. Ich habe in Rendsburg zu tun und finde die Stadt unglaublich grün und bewohnenswert. Ich war niemals zuvor in Rendsburg. In elf Jahren nicht, die ich hier oben in Einstundennähe der Stadt wohne. In Rendsburg gibt es eine Eisenbahnhochbrücke und ein jüdisches Museum. Das habe ich auf den "Hallo, hier Rendsburg!"-Autobahnschildern gelesen, wenn ich an der Stadt vorbeigerauscht bin. Ich glaube nicht, dass ich Rendsburg nur einen Fatz bewohnenswert fände, wäre ich nicht im Begriff, weit, weit weg zu ziehen. Zwei Inseln, zwei Meere weit weg. Ich denke: Es ist ja egal, für wie wenig Geld jene Fluggesellschaft ihre Tickets verkauft. Also wie leicht ich jederzeit nach Deutschland zurückkehren könnte: 2000 Kilometer bleiben 2000 Kilometer. Und ein Meer, das zu überqueren ist, ist ein Meer. Und zwei Meere sind sogar zwei! Ich muss aufpassen, mich nicht verloren zu fühlen, bevor ich das Land überhaupt verlassen habe.

Ich kenne auch eine Irin in England. In Liverpool. Mein erster Mann kam aus Liverpool. Die Irin ist seine Mutter. Wir haben uns nicht besonders verstanden. Ich war zu jung und sie zu sehr Mutter. Meine hartnäckigste Erinnerung an sie ist, wie ich das erste Mal vor ihrem Haus stehe, in Begleitung ihres einzigen Sohnes, Weihnachten 1982, wie sie die Tür aufreißt und statt eines Grußes ruft: "Peter! Ich wusste ja, dass sie jung ist. Aber doch nicht SO jung!" Ich war 16. Ihr Sohn 26. Es hat mir in England gefallen. Ich mochte die Pubs, Fish & Chips, die Art, wie die Nachbarinnen (statt den Klingelknopf zu drücken) mit dem Briefkastenschlitz klapperten oder gleich zur Hintertür einfielen. Ich mochte, dass die Kellner im Restaurant vor dem Nachschenken "More tea, love?" fragten. Ich mochte Aero Mint Schokolade, Cadbury's Caramel, und - natürlich - den sagenhaften Humor. Meine irische Freundin Ro, die sich vor fünf Jahren aus Dublin auf ein Kaff nach Nordfriesland verliebt hat, sagt: "Ich hoffe doch sehr, du gehst nicht wegen der Schokolade!" Möglich ist's. Als ich auf Haussuche in Irland war, jedenfalls, kaufte ich gleich am Flughafen einen Riegel Aero Mint und hätte vor Wiederschmeckensfreude beinahe geweint.

13. August. Letzter Abend in Deutschland. Gegen halb acht. In weniger als 13 Stunden werden wir auf dem Weg nach Irland sein. Nur noch so wenig Zeit und immer noch so viel zu tun. Keine Minute der Ruhe. Für ein Gefühl, für Gedanken. Keine Minute, in der sich mein Fortgehen (noch einmal) zu einer bedrohlichen Größe auswachsen könnte. Und dann fährt - mit britischem Nummernschild und dem Steuer auf der falschen Seite - ein Riesentransporter vor, um die beiden Pferde, die mit uns gehen, nach Irland abzuholen und plötzlich fühle ich in meinen Augen Tränen. Nicht aus Kummer. Aus jenem (falschen) Heimwehgefühl heraus, das mich seit damals, seit ich mit jenem Engländer teilweise irischer Herkunft verheiratet war, bei jedem Stück England befällt. Lächerlich!, denke ich. Ich habe ja nicht mal in England gewohnt. Wie soll das gehen, dass man sich in einem fremden Land, in einer fremden Gesellschaft derart zu Hause fühlt? Oder: Wenn Menschen im falschen Körper zur Welt kommen können, ist es auch möglich, dass sie im falschen Land geboren werden? Oder: Fühle ich mich nur so lange dem Land verbunden, so lange ich weit weg von England, von Irland bin? In der Sicherheit meiner von nur wenigen England-Irland-Erlebnissen genährten Fantasie?

Natürlich: Irland ist nicht England. Aber: Ich spreche Englisch mit einer Art irischem Akzent. Wie die meisten in Liverpool. So viele Iren blieben auf ihrem Weg nach England in der Stadt hängen. "Heimat ist Sprache", hat ein Freund neulich gesagt. Und dass er sich in Deutschland zu Hause wisse, weil er sich hier jederzeit, unter allen Umständen gefühlsgemäß ausdrücken kann. Ich kann das auch. Auf Deutsch. Und auf Englisch. Ich verstehe Danny selbst dann noch, wenn sein Gesichtsrot ins Purpurne abgesoffen ist. Und obwohl ich nicht ausschließe, dass dieses zusätzliche Ausdrucksvermögen meine Heimatverwirrung eher verschärft denn gemildert hat, nehme ich an, das alles - Danny, die Mint-Schokolade, meine irische Ex-Schwiegermutter, die Sprache - hat mit meiner Entscheidung für Irland zu tun. In einem irrationalen Sinn. Was mich nach Irland treibt ist "so ein Gefühl". Und in meinen von Zweifel und Ängsten getrübten Momenten tut es gut, zu wissen, dass sich dieses Gefühl, ich könnte dort richtig sein, auf meine irischen Freunde überträgt. Einmal, zu Beginn meiner Irlandidee, sagte Ro: "Wenn du zurück nach Hause gehst, bin ich neidisch."

Letzter Abend, um neun: Bekannte kommen und gucken, was von meinem zurückgelassenen Möbeln sie noch für verwertbar halten. Dreimal fahren sie ihren Anhänger zwischen ihrem und meinem Haus hin und her. Der Gebrauchtmöbelhändler kommt, letzte Reste zu holen. Letzte Reste von was? Ich muss an mich halten, um nicht zu denken: Von meinem Leben. Dann ist das Haus leer. Nur noch Müll und Staub und Spinnweben. Meine Schritte hallen. Die Kinder verbringen diese letzte Nacht bei ihren Freunden. Ich hatte in den vergangenen Stunden, Tagen und Wochen zu viel zu tun, um Verabredungen für einen vernünftigen Abschied von meinen Freunden zu treffen. Und vielleicht ist das nur eine barmherzige Lüge. Vielleicht bin ich nur nicht in der Lage, vernünftig Abschied zu nehmen. Möglich, dass ich fürchte, den Abschied nicht zu ertragen, träfe er mich in seiner ganzen, durch keine Geschäftigkeit gemilderten Wucht. Spätabends, "wann immer du fertig bist", bin ich noch bei Bekannten auf eine letzte Pizza eingeladen. Fast fahre ich nicht. Das leere Haus hält mich fest. Es fordert meine Gesellschaft. Es will mit seiner Leere meine Zweifel und Ängste schüren. Mit letzter Kraft verweigere ich ihm den Gehorsam und fahre Pizzaessen. Die letzte Nacht: Ich kann mich nicht daran erinnern, mich jemals so müde gefühlt zu haben. Und kann doch nicht schlafen.

Ich denke: Wenn die Frage nach meinem Weggehgrund ihre Berechtigung hat, dann muss es auch berechtigt sein zu fragen: "Warum bleiben?" Ich will schon so lange gehen, irgendwohin, und bin doch so lange geblieben. Und nie fühlte sich das Gebliebensein richtig an. Wie kann es da falsch sein zu gehen? Ich denke: Vielleicht ist es mit den Ländern wie mit den Liebschaften? In denen wir wider unser besseres Fühlen verweilen? Aus denen wir nicht und wieder nicht aufbrechen, allein aus der Angst, was uns da draußen, was uns in der Fremde erwartet. Es ist frühmorgens, um sieben. Die letzten Wochen, Tage, die letzte Nacht sind vorbei. Es ist Zeit zu gehen. Ich muss an meinen irischen Vermieter denken, wie er, als ich mein Kommen zusagte, (leicht besorgt) sagte: "Ich hoffe, du wirst diesen Schritt nicht bereuen." Ich antwortete, was ich tatsächlich denke: "Bereuen? Nein." Im Großen und Ganzen halte ich nichts von Bereuen. Wenn man unbedingt etwas bereuen will, dann bitte das, was man nicht getan hat. Es ist doch so: Man probiert etwas. Und vielleicht klappt's. Dann ist es gut. Klappt es nicht, so what? Dann steht man auf und probiert etwas Neues.

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