Heimatlose Konservative : Die Union und die Bürger

Gerd Appenzeller

Dass Edmund Stoiber 2007 das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten räumen musste, hatte mit zunehmendem Realitätsverlust zu tun. Er merkte nicht, dass die Bayern und die CSU seiner überdrüssig geworden waren. Die Zwangsabstinenz von der Tagespolitik hat ihm gut getan, sein Gespür für die Befindlichkeiten des Wahlvolks hat sich erholt. Wenn er jetzt beim Deutschlandtag der Jungen Union eine stärkere Abgrenzung der Union von der FDP fordert, hat er den Kern des Unbehagens vor allem in der CDU benannt. Denn dass die CSU bei der Bundestagswahl so schlecht abgeschnitten hat, liegt eher daran, dass sich Stoibers Nachfolger Horst Seehofer gelegentlich wie ein Schwadroneur im Wirtshaus aufführt, und das kommt auch in Bayern – Lederhose, aber bitte mit Laptop – schon lange nicht mehr so gut an.

Die CDU hat tatsächlich das Problem der geringer gewordenen Unterscheidbarkeit zur SPD und der damit für den konservativen Wähler wachsenden Attraktivität der FDP. Hinzu kommt: Angela Merkel ist eine eher profane Christin, eben protestantisch karg. Das katholisch-gefühlige, wie es Helmut Kohl bei Bedarf auslebte, ist ihr von Herkunft und Charakter fremd. Gläubige Christen, Katholiken noch mehr als Protestanten, fremdeln in der CDU zurzeit. Einer der Unterschiede zwischen CDU und Liberalen war aber immer, dass den FDP-Wählern das Religiöse in der traditionellen Union unheimlich war. Sie wollten nicht, dass der Pfarrer mitregiert, während Unionswähler das nicht so eng sahen.

Wirtschafts- und mittelstandsfreundlich ist die FDP geblieben, die Partei der Selbstständigen und der Unternehmer. All das war die CDU auch einmal. Daran, dass sie es heute noch sei, zweifeln viele. So fallen die Wahlaktien der Union, während die der Liberalen steigen. Da hat Stoiber also recht. In der Gesellschaft ist das Bürgerliche – ganz ohne „Spieß“ davor – wieder gefragt. Es ist ein bei allem Wertebewusstsein modernes Menschenbild, das in dieser Schicht dominiert. Grüne und FDP bedienen es, die CDU muss das wieder lernen, will sie überleben.

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