Heinrich von Pierer : ''Die Moral nicht vernachlässigen''

Der frühere Siemens-Chef galt als der Inbegriff des ehrbaren Managers. Heute muss er sich in der Korruptions-Affäre vor Recht und Gesetz verantworten.

Moritz Döbler

Wer die Moral vernachlässigt“, hat Heinrich von Pierer in einem vor fünf Jahren veröffentlichten Aufsatz geschrieben, „schadet in der Konsequenz auch der Profitabilität.“ Heute klingt das wie ein ironischer Kommentar zur Korruptionsaffäre bei Siemens. Fragwürdige Zahlungen von rund 1,3 Milliarden Euro hat der Industriekonzern eingeräumt – dass der einstige „Mr. Siemens“ so gar nichts davon wusste, übersteigt die Vorstellungskraft vieler Beobachter.

Allerdings kommt es in strafrechtlichen Fragen nicht auf Plausibilitäten an, sondern auf Fakten. Da sieht es bisher dünn aus. Einen Tatverdacht hat die Münchner Staatsanwaltschaft nicht finden können und daher keine Ermittlungen aufgenommen. Zwar ist Pierer in einem Prozess als Zeuge geladen, bei dem sich von Ende Mai an ein Siemens-Manager wegen Untreue verantworten muss, aber selbst belasten muss er sich nicht. Bisher hat er jegliche Mitwisserschaft bestritten. Auch als er als Aufsichtsvorsitzender vor einem Jahr zurücktrat, räumte er keinerlei Fehlverhalten ein.

Da Bestechung im Ausland erst 1999 strafbar wurde, müsste ihm die Mitwisserschaft nach diesem Zeitpunkt nachgewiesen werden. Doch kann er sich darauf berufen, dass er die Belegschaft in einem Rundschreiben auf die neue Rechtslage hingewiesen und Disziplinarmaßnahmen angedroht hat.

Pierer, inzwischen 67, hat 38 Jahre bei Siemens verbracht. Von 1992 bis 2005 stand der promovierte Jurist an der Spitze des Konzerns, um dann den Vorsitz des Aufsichtsrats zu übernehmen. Er war als Bundespräsident im Gespräch, beriet Kanzler und Minister und galt als der Inbegriff des ehrbaren Managers. Mit weicher Stimme und fränkischer Sprachfärbung nahm er die Menschen für sich ein. „Wenn ich durch das Unternehmen gehe, freuen sich die Mitarbeiter“, sagte er einmal.

Heute geht er nicht mehr durchs Unternehmen, und Freudensbekundungen sind ebenfalls selten zu beobachten. Immerhin war er Anfang März bei Siemens-Feierlichkeiten in Berlin dabei. „Für niemanden gibt es eine Ausnahme von Recht und Gesetz, von Anstand und Moral“, sagte der neue Siemens-Chef Peter Löscher bei dieser Gelegenheit, natürlich ohne Pierer direkt anzusprechen.

Solche Sätze hat auch Pierer stets gern gebraucht. So heißt es in jenem Aufsatz von 2003 weiter: „Täuschung, Betrug und Korruption lassen sich auf Dauer nicht verbergen.“

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