Meinung : Heiße Drähte, kaltes Herz

Die US–Regierung ist in der Irak-Krise wenig diplomatisch – das hat Folgen

Malte Lehming

Erinnerungen werden wach. Oder ist es Nostalgie? Die Vorgängerin von US-Außenminister Colin Powell hieß Madeleine Albright. Die verbrachte ihr Leben im Flugzeug. Hin und her, kreuz und quer, düste sie von einer Metropole in die nächste. Vor dem Kosovo-Krieg etwa saß sie ständig im Flieger nach Europa, um sich mit den Verbündeten abzustimmen. Von Angesicht zu Angesicht: Ohne das kommt die hohe Diplomatie nur selten aus.

Und heute? Die USA und Großbritannien wollen bald den Textentwurf für eine zweite Irak-Resolution kursieren lassen. Sie soll den Weg frei machen für eine militärische Intervention. Derweil jedoch begnügt sich Amerikas Chefdiplomat, wie derzeit in Asien, mit Stippvisiten. Am liebsten telefoniert Powell, manchmal bis zu hundert Mal am Tag. „Die Bush-Leute sind groß im Anspruch, schwach in der Strategie und entsetzlich in der Diplomatie“, bilanziert einer der klügsten US-Kommentatoren, Thomas Friedman von der „New York Times“. Zornig hält er der Bush-Regierung vor, ihre Sache schlecht zu vertreten. Wer die Alliierten missachtet und beschimpft, darf sich nicht wundern, wenn ihm die Gefolgschaft verweigert wird.

Die These klingt plausibel. Zweifellos hat die Bush-Regierung viele handwerkliche Fehler gemacht. Das fing mit der Begründung an. Deren Charakteristikum war: Sie wechselte. Mal war es der 11. September, dann Iraks Verstoß gegen alte UN-Resolutionen, schließlich der Besitz von Massenvernichtungswaffen oder die Notwendigkeit, das irakische Volk von einem Tyrannen zu befreien. Aus inneramerikanischer Sicht mag diese Begründungshäufung verständlich sein. Für jeden sollte etwas dabei sein – für die Terrorschockierten der 11. September, für die Völkerrechtsfixierten die Resolutionsverstöße, für die Humanitätskrieger die Menschenrechte. Doch außerhalb Amerikas wurde das Gegenteil des Bezweckten erreicht. Dort wurde der Verdacht genährt: Wer so viele Gründe braucht, der hat gar keinen.

Allerdings greift die These, der anhaltende Widerstand gegen einen Irak-Krieg sei die Folge miserabler US-Diplomatie, nur zum Teil. Sie erklärt nicht, warum sich 18 europäische Regierungen auf die Seite der USA geschlagen haben. Viele von ihnen nahmen damit ein hohes politisches Risiko in Kauf. Sie erklärt auch nicht, warum der Kriegsprotest innerhalb jener Bevölkerungen am leisesten ist, die aus frischer Leidenserfahrung wissen, was eine Diktatur bedeutet. Und sie vergisst drittens, dass die UN-Resolution 1441, die einstimmig vom UN-Sicherheitsrat verabschiedet wurde, ein Meisterwerk der diplomatischen Kunst war. Die Vorarbeit war am Telefon geleistet worden.

Dennoch wird die US-Regierung in den kommenden Wochen bedenken müssen, dass Peitschenschläge kein Ersatz fürs Zuckerbrot sind. Ein Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, der bei Sabine Christiansen auftritt, bewirkt mehr als ein Präsident George W. Bush, der Gerhard Schröder die kalte Schulter zeigt. Ein Powell der die Deutschen gelegentlich lobt, hinterlässt in Europa einen stärkeren Eindruck als alle präsidialen Strategiereden zusammen.

Der Entschluss Washingtons, weiterhin über den Sicherheitsrat zu gehen, ist ebenso löblich wie riskant. Im Moment stehen die Chancen für eine zweite Resolution nicht gerade gut. Frankreich hat alle diplomatischen Hebel in Gang gesetzt, um den Waffengang zu verhindern. Für Jacques Chirac ist das auch eine Prestigefrage. Einige Entwicklungen freilich unterstützen die amerikanische Position. Bis in einer Woche muss Bagdad begonnen haben, seine Al-Samoud-Raketen zu zerstören. Außerdem kursiert das Gerücht über verbotene Geschosse, die bis nach Kuwait reichen. Und schließlich hat UN-Chefinspektor Hans Blix bereits in seinem letzten Bericht es als „größtes Problem“ bezeichnet, dass der Verbleib von Tausenden Tonnen an biochemischen Kampfstoffen weiter ungeklärt ist. Innerhalb weniger Tage muss Saddam Hussein bei all diesen Punkten einlenken. Sonst kippt die Stimmung wieder. Und dann könnte selbst eine schlechte US-Diplomatie gut genug für eine zweite, die entscheidende UN-Resolution sein.

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