Meinung : „Helmut Schmidt hat …

Susanne Vieth-Entus

… uns in Irrungen geführt.“

Als links, ganz weit links, zu gelten, hat in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft noch niemandem geschadet. Kein Wunder also, dass Berlins GEW-Vorsitzendem Ulrich Thöne gestern der Sprung an die Bundesspitze der Lehrergewerkschaft gelang. Aus den Reihen der Gemäßigten hat nicht einmal jemand zu kandidieren gewagt – oder besser: Der, der es dann doch wollte, der ehemalige Berliner Vorsitzende Erhard Laube, wurde weggebissen.

Ulrich Thöne, gelernter Bankkaufmann aus Nordrhein-Westfalen, kam 1979 nach Berlin und wurde hier Studienrat für Wirtschaftslehre und Sozialwissenschaften. Er hat sich schon immer gern politisch positioniert. 1978 reiste er mit einer linken Delegation in die DDR, um für Robert Havemann und Rudolf Bahro zu protestieren. Diese Aktion brachte dem Lehrersohn ein DDR-Einreiseverbot ein, das bis zum Mauerfall bestand. Diese Erfahrung war einschneidend, sie wirkt bis heute fort: Früher hatte sich Thöne schon mal als „demokratischen Sozialisten“ bezeichnet; heute lehnt er das Etikett ab – mit der PDS will der 53-Jährige nicht in einer Schublade landen. Er „kann zwar mit einigen von denen ganz gut, aber der Bruch mit der DDR ist nicht stark genug erkennbar“, sagt er. „Die haben nur den Mantel rübergemacht.“

Die SPD ist ihm ebenfalls keine Heimat. Er hat sie vor rund 25 Jahren verlassen, wollte weg „von den Irrungen, zu denen uns Helmut Schmid geführt hat“. Stattdessen trat er in die GEW ein. 1999 wurde er erstmals zum Berliner Vorsitzenden gewählt, kurz darauf brachte er eine große Demonstration gegen Bildungskürzungen auf die Beine. Diesem Erfolg steht das Desaster rund um das Volksbegehren für Neuwahlen gegenüber, das er „nicht wieder machen würde“.

Als Bundesvorsitzender würde Thöne gerne das Image des Nörglers los, der immer nur das Geld im Lehrer-Portemonnaie im Sinn habe und nicht die Bildung als Ganzes. Auch die Lehrer müssen sich ändern, das gibt er inzwischen zu: mehr im Team und weniger hinter verschlossenen Türen arbeiten.

In diesen Tagen macht der verheiratete Vater dreier erwachsener Töchter einen ruhigen Eindruck – obwohl er statt bisher 21 000 künftig 255 000 Gewerkschaftsmitglieder führen will. Ein Weggefährte erklärt diese Ruhe mit einer existenziellen Erfahrung. 2001 habe Thöne einen schweren Bergsteigerunfall fast nicht überlebt. Wer so etwas überstehe, sei im Grunde durch nichts mehr zu schrecken.

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