Henryk M. Broder : Williamson? Wir beten zurück!

Etwas mehr Offensive bitte! Wie die Juden auf Bischof Richard Williamson, den Holocaust-Leugner, reagieren sollten.

Henryk M. Broder
Henryk Broder
Henryk M. Broder, "Spiegel"-Reporter, Blogger und regelmäßiger Gastkommentator beim Tagesspiegel.Foto: privat

Vor kurzem habe ich einen Pater der Pius-Bruderschaft getroffen, einen – ich gebe es zu – überraschend netten Vertreter seiner Gemeinde. Er hatte es nicht leicht, sich von den Äußerungen von Bischof Richard Williamson zu distanzieren, ohne der ganzen Bruderschaft in den Rücken zu fallen. Was Williamson über den Holocaust gesagt habe, sei dumm und unsäglich gewesen, aber die Medien hätten den Fall auch hochgespielt, um Papst Benedikt zu schaden. Am Rande der Unterhaltung ging es auch um die „tridentinische Messe“, bei der für das Wohl der Juden gebetet wird – sie mögen endlich umkehren und sich zu Jesus bekennen.

Nun habe ich persönlich nichts dagegen, dass Menschen, die ich nicht kenne, sich um mein Wohl sorgen. Es ist sicher gut gemeint. Ich glaube nicht, dass es etwas nutzen wird, aber schaden kann es auch nicht. Es ist sozusagen ein Nullsummenspiel, das vor allem jenen gut tut, die es veranstalten.

Was mich ein wenig irritiert, ist etwas anderes: Warum beten die frommen Christen nicht für das Wohl der Muslime, sie mögen endlich Allah abschwören und sich zu Jesus bekennen? Es gibt immerhin weit über eine Milliarde Moslems auf der Welt und nur etwa 14 Millionen Juden. Der moslemische Markt ist also viel größer. Würden 10 Prozent aller Juden dem Appell folgen, wären das gerade 1,4 Millionen Bekehrte. Bei den Moslems wären es über 100 Millionen. Da würde sich eine Fürbitte echt lohnen.

Freilich: Wie die Reaktionen auf die Regensburger Rede des Papstes gezeigt haben, wäre das ein riskantes Unternehmen. Einige Moslems könnten sich wieder beleidigt fühlen und zu Protesten aufrufen, in deren Verlauf nicht nur Papst-Puppen, sondern auch Kirchen angezündet werden könnten. Bei den jüdischen Brüdern und Schwestern dagegen kann man davon ausgehen, dass allenfalls der Zentralrat der Juden in Deutschland den Abbruch der Beziehungen zur Deutschen Bischofskonferenz verkünden wird, um nach zwei oder drei Wochen die erste Gelegenheit zu nutzen, wieder „in das Gespräch“ einzutreten. Statt zu schmollen und zu grollen, könnten die Juden ein wenig offensiver auftreten. Nichts spricht dagegen, dass sie in die Freitagabend-Gebete eine Fürbitte für die Christen aufnehmen: Sie mögen sich besinnen und endlich zu dem Glauben zurück kehren, aus dem das Christentum entstanden ist.

Die Fürbitte könnte auch sehr profane Elemente enthalten, etwa eine Schilderung der Freuden, die den enthaltsamen Priestern versagt bleiben. Auch sonst hätte das Judentum einiges zu bieten: Miss-Wahlen am Strand von Nahariya, Gay-Parties in den Bars von Tel Aviv, Sexualaufklärung mit Sarah Silverman. Wir beten zurück!

Im Gegensatz zu den Moslems aber wollen die Juden keinen Streit mit der katholischen Kirche, denn tief im Unterbewusstsein steckt die Erinnerung an die Kreuzzüge, die mit Pogromen im Rheintal begannen. Ein Volk, das sich jedes Jahr an den Auszug aus Ägypten erinnert, hat Worms und Speyer nicht vergessen.

Stellen wir uns nur einmal vor, irgendein durchgeknallter Rabbiner, von denen es etliche gibt, würde sich das Gegenteil zur „Holocaustlüge“ a la Williamson einfallen lassen und behaupten, es habe keine Kreuzigung gegeben, Jesus sei bei einer Akupunktur-Behandlung versehentlich ums Leben gekommen. Weder die Römer noch die Juden seien am Tode des Heilands schuld, sondern ein bekiffter Heilpraktiker. Was dann wohl los wäre! Vor allem, wenn der Rabbiner nachlegen und erklären würde, er müsse sich noch kundig machen und brauche etwa drei Wochen, um ein Buch zu diesem Thema zu lesen.

Der Vatikan würde die Schweizer Garde mobilisieren und selbst freundliche und liberale Christen wie Bischof Lehmann und Bischof Zollitsch würden sich überlegen, ob sie jemals wieder einem Juden die Hand geben könnten. Das christlich-jüdische Gespräch käme zum Stillstand, die Arbeitsgruppe „Christen und Juden“ beim Katholischen Kirchentag hätte ausgedient.

Natürlich wird so etwas nicht passieren. Das christlich-jüdische Gespräch wird weitergehen. Etwa so: Fragt ein Rabbiner einen Priester: „Stimmt es, dass Sie keinen Sex haben dürfen?“ – „So ist es“, sagt der Priester, „und stimmt es, dass Sie kein Schweinefleisch essen dürfen?“ Darauf der Rabbi: „Hab beides ausprobiert. Kein Vergleich.“

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