Meinung : Heraus aus dem Korsett

Hochschulen und Politik in Berlin sind zur Zusammenarbeit verdammt

Anja Kühne

Die Berliner Universitäten wehren sich verzweifelt gegen die neuen Sparvorhaben des Finanzsenators. Um die breite Öffentlichkeit aufzurütteln, bauen sie eine bizarre Drohkulisse auf: Der Botanische Garten soll geschlossen, kein einziger Student mehr neu aufgenommen, internationale Kontakte und die gesamte Studienberatung sollen eingestellt werden. Die Vorschläge sind teilweise rechtlich kaum durchsetzbar, teilweise im Alltag von Forschung und Lehre so aberwitzig, dass sie nicht wirklich ernst zu nehmen sind. Es geht nur um eine möglichst große Außenwirkung.

Dem gegenüber steht ein Finanzsenator, der die Hochschulen der Hauptstadt mit immer neuen, immer höheren Sparvorgaben konfrontiert – ungeachtet der großen Summen, die diese schon erbracht haben, ungeachtet ihrer großen Leistungen und ihres ökonomischen und kulturellen Wertes für die Stadt. Damit will Thilo Sarrazin die Hilfe vom Bund erpressen, die Berlin so dringend braucht. Doch weil seine Forderungen grenzenlos sind, wirken sie auf die Adressaten feindselig. Deshalb sind die Fronten zwischen Wissenschaft und Politik inzwischen so verhärtet, dass ein sinnvoller Austausch über die eigentlichen Fragen nicht mehr stattfindet: Wie kann bei den Hochschulen so gespart werden, dass sie nicht in die Provinzialität versinken? Wie kann die Politik dabei helfen?

Die Hochschulen in Berlin und im restlichen Bundesgebiet leiden unter einer Politik, die schizophren erscheint. Sie kann – oder will – die Hochschulen nicht angemessen ausstatten. Doch zugleich drückt sie ihnen in einem Korsett von Gesetzen die Luft ab, die sie bräuchten, um selbst besser für sich sorgen zu können. Um nur einige Beispiele zu nennen: So hat Bundesbildungsministerin Bulmahn (SPD) unlängst ein Verbot von Studiengebühren festgeschrieben. Nicht einmal die erlaubten Gebühren für Langzeitstudierende dürfen Berliner Universitäten erheben – die Koalition will es nicht. Gerne würden die Hochschulen ihren Mitarbeiterüberhang in der Verwaltung schneller abbauen – doch unter den Bedingungen des öffentlichen Dienstes ist das nicht möglich. Um unter diesen Umständen trotzdem die Qualität der Ausbildung zu sichern, könnten die Universitäten die Studenten ganz von ihren Türen weisen – aber auch hier schieben die Gesetze Riegel vor. Kann sich eine so arme Stadt wie Berlin wirklich noch Hochschulen leisten, die stark an den Staat gekettet und bewegungsunfähig sind? Wenn die Lage wirklich so verzweifelt ist, wie Sarrazin sie darstellt, müssen die Politiker in Berlin und im Bund jetzt über ihre Schatten springen und Gesetze ändern.

Und die Universitäten? Statt auf die große Wirkung von Drohungen zu hoffen, werden sie nicht umhinkommen, bestimmte Fächer zu benennen, von denen sie sich trennen wollen. Sie werden auch damit leben müssen, dass Studienplätze zu den Fachhochschulen umverteilt werden, weil diese die Studenten nicht nur schneller, sondern auch billiger ausbilden.

Berlin wird damit leben müssen, dass seine Forschung nicht mehr in allen Bereichen konkurrenzfähig ist, dass weniger Studenten in der Stadt sind, um die Wirtschaft mit anzukurbeln, und dass Landeskinder hier nur noch einen Studienplatz finden, wenn sie ein erstklassiges Abitur gemacht haben. Diese Perspektive wird vielleicht nicht so viele Berliner aufregen wie die mögliche Schließung des Botanischen Gartens – aber sie verdient genauso viel Beachtung.

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