Herthas Aufstieg : Zweite Liga erster Klasse

So viel Lehre darf’s schon sein: Berlin kann aus sich selbst heraus aufsteigen. Auch mit wenig Glanz lässt sich Großes schaffen, wenn man Leidenschaft und Demut zeigt. So wie Hertha.

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Vor dem Berliner Biersalon am Kranzler-Eck, der Hertha-Stammkneipe schlechthin, ist die Stimmung so ausgelassen, dass sich die Freunde und Helfer vergewissern müssen, dass alles friedlich abläuft.Weitere Bilder anzeigen
Foto: André Görke
25.04.2011 21:53Vor dem Berliner Biersalon am Kranzler-Eck, der Hertha-Stammkneipe schlechthin, ist die Stimmung so ausgelassen, dass sich die...

Neulich im Olympiastadion: Hertha BSC spielt in der Sonntagmittagsonne einen limitierten Gegner müde und fast 50 000 Zuschauer wach, es steht schon 3:0, als sich auf dem Männerklo zwei blau-weiß-beschalte Fans unterhalten: „Schönes Spiel, wa?“ - „Naja, können die nicht mal 8:0 gewinnen?“

Dit is Hertha – und so ist Berlin. Immer was zu meckern, immer gerne großkotzig. Aber die größte, aufregendste und, na klar!, schönste Stadt Deutschlands kann es sich ja leisten. Ihr Fußball auch wieder: Hertha ist am Montagabend in die Bundesliga aufgestiegen. Die Zweitklassigkeit hat der selbst ernannte Hauptstadtklub nur eine Saison lang ertragen müssen. Berlins wichtigster Sportverein hat die Demütigung (die er sich mit den Hauptdarstellern Hoeneß, Favre, Funkel und Preetz selbst zugefügt hatte) mit Demut gemeistert (mit den Hauptdarstellern Gegenbauer, Babbel und immer noch Preetz). Diese Souveränität sollte stilbildend sein für Hertha und eine Lehre für Berlin. Mit dem Fuß am Ball hat die Stadt etwas geschafft, was ihr sonst selten von der Hand geht: Sie hat sich selbst von Piefigkeit befreit.

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Jubel über Herthas Aufstieg
Jubel über Herthas Aufstieg

Arm und verschuldet wie Berlin ist Hertha – und nun wieder sexy. Durchschnittlich 47 000 Zuschauer pilgerten zu Partien gegen Paderborn oder Ingolstadt, bei den anstehenden Aufstiegspartys gegen 1860 München und den designierten Mitaufsteiger FC Augsburg werden 70 000 Fans erwartet. Solch ein Dauer-Event hat die Zweite Liga noch nicht erlebt, das Olympiastadion nach der Luxussanierung auch nicht. Mit einer klugen Kampagne („So diszipliniert wie Berlin“), einem bescheidenen Auftreten und natürlich vielen Siegen zum halben Eintrittspreis hat sich Hertha wieder interessant gemacht und von der eigenen Großspurigkeit („Play Berlin“) befreit. Und Berlins Sportpublikum hat nicht nur bei den stimmungsvollen Derbys mit dem 1. FC Union gezeigt, dass es erstklassig ist.

Im Sport ist Berlin spitze. Die Eisbären (Zuschauerschnitt: 14 000) sind gerade Meister geworden, Albas Basketballer (10 000) greifen nun in den Play-offs an, die Füchse-Handballer (8000) spielen erstmals um einen Europapokal-Platz. Selbst die Volleyballer vom SCC baggern vor Tausenden Begeisterten um den Titel. Der Berliner Sport mit einer halben Million Mitgliedern in 2000 Vereinen und den ungezählten Enthusiasten auf den Freizeitplätzen hält die Stadt in Bewegung – und schützt sie vor Bequemlichkeit. Dass die Fans von Union, die den Erhalt der Zweitklassigkeit und den Derbysieg im Olympiastadion wie einen Aufstieg feiern, ihr Stadion in Köpenick in Freizeitarbeit renoviert haben, bleibt ein Vermächtnis der Berliner Fußballkultur.

So viel Lehre darf’s schon sein: Die Berliner machen es sich allzu gern gemütlich in Selbstgenügsamkeit. Die S-Bahn-Krise im Winter wurde ohne Lösung ausgesessen, nun im Frühling wird das Verdrecken des Stadtgrüns durch Grillmüll und Hundekot kopfschüttelnd hingenommen, im Sommer wird auf die Touristen geschimpft, die Geld und Flair bringen, im Herbst ist Hertha bestimmt wieder zu schlecht in die Saison gestartet. Zu Meckern gibt's immer was, doch selbst anpacken – sei es nur im eigenen Kiez – wollen wenige. Es geht anders: Berlin kann aus sich selbst heraus aufsteigen. Auch mit wenig Glanz lässt sich Großes schaffen, wenn man Leidenschaft und Demut zeigt. So wie Hertha.

Berlin steht eben nicht alles zu, nur weil wir Hauptstadt sind. Dass nun Lena in Düsseldorf für Europa singt und nicht in Berlin, ist kein Grund zum Abwinken. Im Gegenteil, Berlin braucht seine Hallen und Stadien für die richtigen Wettbewerbe.

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