Meinung : Herunter von den Tribünen

Olympia in Leipzig braucht einen Neuanfang – mit der Kraft des ganzen Landes / Von Hans-Dietrich Genscher

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Die Olympischen Spiele 2012, also nach 40 Jahren, wieder in einer deutschen Stadt zu haben, ist aller Anstrengungen wert. Dass es sich dabei um eine Stadt in den neuen Bundesländern handelt, und dort nicht um irgendeine, sondern um Leipzig, das zum Symbol der friedlichen Freiheitsrevolution des Jahres 1989 wurde, gibt der Bewerbung zusätzliches Gewicht. Leipzig, die Stadt, die eindrucksvoll die Einheits und Demokratiefähigkeit der Deutschen unter Beweis stellte, Leipzig, die Stadt des Sports seit eh und je, Leipzig, die Kulturstadt, im Bewusstsein der Welt geprägt durch Johann Sebastian Bach und seine Musik, liebevoll beschrieben von Johann Wolfgang von Goethe, über Jahrhunderte hinweg Messestadt, die für Weltoffenheit und Zukunftswillen und als Ort der Begegnung bekannt ist – es war eine kluge Entscheidung, diese Stadt auszuwählen für die Olympischen Spiele 2012. Die Entscheidung für Leipzig ist auch eine Absage an die Gigantomanie vergangener Spiele, gegen die sich IOC-Präsident Rogge so eindrucksvoll gewandt hat.

Und jetzt: Fehlverhalten, zurückliegendes oder jüngeres bei wichtigen Akteuren in Leipzig, erhobene Augenbrauen bei IOC-Mitgliedern – das soll es schon gewesen sein? Natürlich muss, was falsch war, schnell korrigiert, müssen Wiederholungen ausgeschlossen werden. Das liegt in der Verantwortung aller Beteiligten. Oder glaubt jemand in den oberen Etagen des deutschen Sports, dass in einer immer enger zusammenrückenden Welt globaler Transparenz eine Olympia-Bewerbung eine – wenn auch außergewöhnliche – so aber doch kommunale Aufgabe sei? Und reicht die Verantwortung der Sportorganisationen nur bis zum Fingerzeigen auf die vermeintlich allein Verantwortlichen? Oberbürgermeister Tiefensee lässt keinen Zweifel, dass er die Lehren aus den Fehlern der Anfangszeit ziehen wird. Er hat Leipzig in der deutschen Auswahl brillant vertreten. Er wird das auch in Zukunft tun. Hat nicht Thomas Bach, der deutsche IOC-Vizepräsident, Recht, wenn er meint, der deutsche Sport müsse Teil der Lösung des Leipziger Problems sein und nicht Teil des Problems?

Deutsche Spitzensportler, aktive und nicht mehr aktive, sind Weltstars. Sie haben das Bild unseres Landes beachtlich aufgehellt. Eine Olympia-Bewerbung ist eine Angelegenheit des ganzen Landes und des ganzen Sports in unserem Land. Da sind alle aufgerufen. Thomas Bach hat mit seinem Appell an die Einigkeit des deutschen Sports das richtige Signal gegeben und Innenminister Schily mit seiner Erklärung auch: „Es wird uns gelingen, die Olympischen Spiele 2012 nach Deutschland zu holen, ungeachtet aller Hürden. Ich will alles dazu beitragen.“

Jetzt geht es darum, die Bewerbung Leipzigs auch wirklich als Angelegenheit des ganzen Landes und des ganzen Volkes zu behandeln. Da gibt es keine Zuschauerplätze mehr auf den Tribünen, von denen Beifall oder Missfallen geäußert werden können. Da gehören alle auf das Spielfeld, die zum Erfolg der Leipziger Bewerbung beizutragen vermögen.

In der Reformdiskussion dieser Tage wird der Mangel an Zukunftsorientierung und Veränderungswillen beklagt, meist unter Hinweis auf den vermeintlich fehlenden Beitrag der jeweils anderen. Bei der Prioritätensetzung haben es Zukunftsprojekte wie Förderung der Forschung schwer, sich durchzusetzen gegen Erhaltungssubventionen in Landwirtschaft und Bergbau.

Wenn es darum geht, den Spielen in Leipzig eine Chance zu geben und dabei das ganze Land mitzunehmen, dann beginnt das große Fingerzeigen aufeinander. Natürlich ist in Leipzig ein Neubeginn notwendig. Eindeutig und klar muss das erkennbar werden. Aber ein Neubeginn ist auch erforderlich bei der Unterstützung der Bewerbung Leipzigs. Das ist nicht Sache der Leipziger allein, das ist eine Angelegenheit des ganzen deutschen Sports, des ganzen Landes und der politisch Verantwortlichen in der Stadt, im Freistaat und in der Bundesrepublik. Wir dürfen Leipzig nicht allein lassen!

Der Autor war von 1974 bis 1992 Außenminister.

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