Meinung : Herzen im Nivea-Döschen

Pascale Hugues, Le Point

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Lange besiegt sind die spanische Grippe und die Pest, fast vergessen der Rinderwahn und die Vogelgrippe, die in den letzten Jahren solche Panik verbreiteten. Eine neue, hochaggressive Epidemie steht im Begriff, Europa heimzusuchen. Lange Zeit war ihr Verbreitungsgebiet nur auf Deutschland beschränkt. Es handelt sich um eine Form der nationalen Depression, und sie äußert sich in Symptomen wie chronischem Selbsthass, permanentem Zweifel, selbstquälerischen Tendenzen und einem ausgeprägten Hang zum Masochismus.

Als Langzeitpatient scheint Deutschland inzwischen das magische Heilmittel gegen seine seelischen Beschwerden gefunden zu haben: Man nehme eine Handvoll schwarz-rot-goldener Flaggen, füge einen Ball und einen warmen Sommer hinzu, rühre eine Prise wirtschaftlichen Aufschwung und vier Worte des Bundespräsidenten hinein („Ich liebe mein Land!“), und schon hält man ein hocheffizientes Gegengift in den Händen. Eine Nation aus zweifelzerfressenen Moralisten verwandelt sich in ein fröhliches Volk „neuer Patrioten“. Die Deutschen entdecken, dass sie das Recht haben, stolz auf ihr demokratisches und seit mehr als 60 Jahren pazifistisches Land zu sein. Zahlreiche Publizisten erobern die Bestsellerlisten mit Werken, in denen sie ihren Landsleuten erklären, dass sie guten Gewissens und von ganzem Herzen ihre kleinen Nivea-Döschen und großen Made-in-Germany-Autos lieben können, ihren Schwarzwald, ihren Ordnungssinn und ihre Pünktlichkeit. Der deutsche Patient ist genesen.

Aber während Deutschland sich noch auskuriert, hat die Krankheit längst die Landesgrenze überschritten und den französischen Nachbarn infiziert. Einst erfreute sich mein Land einer Identität von vollkommener Gesundheit: ein stolzes und komplexfreies Volk, Meister des savoir vivre und der Liebe, auch der Liebe zu sich selbst. Plötzlich aber zeigt Frankreich massive Krankheitssymptome: der gewaltige Stimmenzulauf für die extreme Rechte bei den Präsidentschaftswahlen 2002, das Nein zur europäischen Verfassung, die Ausschreitungen in den Banlieues im letzten Herbst, der Aufstand junger Studenten im Frühling, die Kolonialdebatte, die Öffnung der beiden historischen „Giftschränke“ – Nazi-Kollaboration und Algerienkrieg. Fieberschübe, die eine Verschlechterung des französischen Gesundheitszustands nahelegen.

Man muss sich nur die Auslagen der Buchläden ansehen, um sich einen Begriff vom Ausmaß dieses Kollektiv-Blues zu machen. Ein gutes Dutzend Neuveröffentlichungen legt in diesem Herbst das Stethoskop an die französische Brust. Die Bücher tragen beunruhigende Titel wie „Die französische Psychose“, „Das französische Unglück“, „Frankreich verliert sein Gedächtnis“ oder „Das ungeliebte Frankreich“. Sie beschreiben eine neurotische Nation, die von ihren Nachbarn nicht geliebt wird, weil sie als arrogant und selbstfixiert gilt, die von Schuldgefühlen gequält wird und ihre unaufgearbeitete Vergangenheit ausgräbt. Ein Frankreich, dessen Größe und intellektueller Glanz nicht mehr als blasse Andenken sind.

Aber im Gegensatz zu Deutschland, wo Bücher über „Die deutsche Katastrophe“ und „Das deutsche Problem“ seit Jahren die Spitzenplätze der Bestsellerlisten monopolisieren, verkaufen sich die Litaneien über das französische Elend eher schlecht. Einzige Ausnahme: ein kleines Buch, das gegen den Strom der großen alarmistischen Flotte schifft. Es trägt den albernen Titel „Der Stolz, Franzose zu sein“, und der Historiker Max Gallo verteidigt darin seine Heimat. Das Buch verkauft sich in Frankreich wie warme Baguettes. Ein gutes Zeichen: Die französische Malaise ist nicht unheilbar.

Aus dem Französischen übersetzt von Jens Mühling.

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