Meinung : Heulsusen und Staats-Männer

Claudia Keller

Heidemarie Wieczorek-Zeul, die Entwicklungshilfeministerin, begleitet den Bundeskanzler auf seiner Reise nach Pakistan. Sie ist das Zuckerbrot in Gerhard Schröders Anti-Terror-Gepäck: Zwei Millionen Mark darf sie zur Linderung der Flüchtlingsnot austeilen. Ihre Arbeit wird auf der Reise zu einer Art Promotion-Event: Schröder will beweisen, dass ihm das menschliche Leid der Afghanen durchaus am Herzen liegt.

Zu Hause werden die Einwürfe der Entwicklungshilfeministerin von der regierenden Männerriege in der Regel überhört. Den anderen Kabinettskolleginnen, die humanitäre Einwände vorbringen, oder sich wie die Ausländerbeauftragte Marieluise Beck für gesellschaftliche Randgruppen engagieren, geht es nicht anders.

Seit dem 11. September reagieren die Herren Schröder, Fischer und Schily, die drei Entscheider an der Regierungsspitze, besonders empfindlich, wenn auf das Flüchtlingselend hingewiesen oder andere Argumente gegen ihren Kriegskurs vorgebracht werden. Und geradezu gereizt, wenn die Kritik von Frauen kommt. Claudia Roth, die Parteichefin der Grünen, hat das zu spüren bekommen, als sie in Pakistan Flüchtlingslager besucht hatte und daraufhin den Stopp der Bombardierungen forderte. Ihre Argumente wurden nicht sachlich diskutiert, sondern mit dem Vorwurf der Emotionalität abgebürstet - mit einem Vorwurf also, der klassischerweise gegen Frauen vorgebracht wird. Roth musste sich anhören, dass sie eine "Heulsuse" sei. Ihre Forderung nannte Schröder unvernünftig und verantwortungslos. Außerdem könne sie als Nicht-Militärexpertin den Ernst der Lage sowieso nicht richtig einschätzen. Herta Däubler-Gmelin, die zwar nicht Schröders Kriegskurs kritisierte, dafür aber Schilys Sicherheitskatalog, bezeichnete der Innenministerals "Nörglerin". Ihre Einwände wurden als nebensächlich und unlogisch abgetan.

Denn wichtig und logisch, vernünftig und dem so oft zitierten "Ernst der Lage" angemessen ist seit dem 11. September allein das, was sich Schröder, Fischer und Schily ausdenken. Die drei geben sich wie die Lordsiegelbewahrer und reißen die moralische Definitionsmacht an sich. Selbst wann Pathos angebracht ist und wann nicht, wann eine Träne vergossen werden darf und wann nicht, wollen sie bestimmen. Schrödersches Pathos am "Ground Zero" ist natürlich angemessen, und der Krieg die einzig "logische" Schlussfolgerung daraus.

Wer gedacht hätte, die Zuschreibungen dessen, was vermeintlich "männlich" und was "weiblich" ist, sei von gestern, reibt sich nun verdutzt die Augen. Da wird wieder die Vernunft der Männer gegen die weibliche Emotionalität gesetzt, die Verantwortung, die eben doch nur die drei Weisen an der Regierungsspitze richtig schultern können, gegen unterstellten weiblichen Unernst.

In Kriegszeiten brauchte es schon immer klare Polarisierungen. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns, sagte George Bush bereits am 11. September und rief mit Jagd- und Cowboyfolklore ("ausräuchern", "umzingeln") auf zum Kampf. Ohne die Aufteilung der Welt in Freunde und Feinde lässt sich ein Krieg offensichtlich auch heute nicht begründen, geschweige denn führen. Die Polarisierung nach außen setzt sich im Innern der kriegführenden Gesellschaften fort: Die Männer stilisieren sich zu starken, opferbereiten Kämpfern, die "schwachen" Frauen sollen die emotionale Reparaturarbeit leisten und sich ansonsten raushalten. Ernst genommen werden sie von den Kämpfern nur dann, wenn sie sich selbst in der Rüstung zeigen. So wie Condoleezza Rice, die Sicherheitsberaterin des amerikanischen Präsidenten. Konservative Kommentatoren loben ihre Härte, ihre bedingungslose Treue und schätzen, dass sie "im Verborgenen wirke" - sich also nicht wie deutsche Ministerinnen öffentlich mit Kritik zu Wort meldet.

Ein bisschen Verantwortungs- und Kampf-Pathos braucht die männliche Seele wahrscheinlich zuweilen. Dieser Krieg wird lange dauern, sagt George Bush. Über Jahre Verantwortung, Ernst und Vernunft alleine tragen zu müssen, dafür sind die Schultern unserer Staats-Männer aber wohl doch zu schwach.

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