Meinung : Heuschrecken im Depot

Beim Showdown um die Frankfurter Börse zieht das deutsche Management den Kürzeren

Ursula Weidenfeld

Die Idee war gut, die Durchführung miserabel, die Rechnung bitter: Gestern verließ Werner Seifert, der Chef der Deutschen Börse, das Unternehmen mit sofortiger Wirkung. Aufsichtsratschef Rolf Breuer muss zum Jahresende gehen. Die beiden sind das Opfer derjenigen geworden, die in Deutschland neuerdings gern als Heuschrecken bezeichnet werden. Es ist das erste Mal, dass Hedge-Fonds – Geldanlagegesellschaften, die sich mit kurzfristigem Gewinnhorizont in Firmen einkaufen – in Deutschland, die radikale Änderung der Firmenstrategie erzwingen, und im offenen Showdown den Abgang von zwei Topmanagern durchsetzen.

Der Hintergrund: Im vergangenen Herbst hatte die Deutsche Börse versucht, die Londoner Börse zu übernehmen. Das war ein guter Plan. Denn dass die europäischen Börsenplätze zusammenrücken werden, um dauerhaft gegen die amerikanische Börse bestehen zu können, gilt als sicher.

Während sich aber Seifert und Breuer auf den Weg nach London machten, um die Eigentümer der London Stock Exchange vom Sinn der Übernahme zu überzeugen, guckten sich ein paar Hedge-Fonds die Deutsche Börse näher an. Was sie sahen, gefiel ihnen: Bargeld. Sie kauften sich bei der Deutschen Börse ein. Insgesamt sollen sie jetzt rund vierzig Prozent der Aktien kontrollieren. Dann verlangten sie, dass die Börse die zwei Milliarden Euro schwere Übernahme abblasen und das Geld an die Aktionäre ausschütten solle. Sie setzten sich durch.

Das ist beispiellos: Bisher haben Fonds und Großaktionäre ihre Aktien verkauft, wenn sie das Vertrauen zum Management verloren hatten. Nur in den seltensten Fällen übten sie direkt massiven Einfluss auf die Geschäftspolitik aus. Das hat sich nun grundlegend geändert: Der Pakt zwischen Vorständen, Aufsichtsräten und Eigentümern ist brüchig geworden.

Natürlich kann man sich nun darüber beklagen, dass Hedge-Fonds mehr Einfluss auf den Finanzplatz Frankfurt haben als die deutschen Banken, Sparkassen und Investmenthäuser zusammen. Nur: Genau diese Miteigentümer der Deutschen Börse haben sich in den letzten Monaten ziemlich unsentimental und kühl von ihren Anteilen getrennt, von den Kurssteigerungen profitiert und so dafür gesorgt, dass der Coup der Seifert-Gegner gelingen konnte. Wer sich nun über Heuschrecken beklagt, ist scheinheilig. Das gilt auch für Breuer und Seifert: Die beiden hatten es nicht nötig, bei den eigenen Aktionären um Loyalität zu werben. Sie haben zugesehen, wie eine deutsche Bank nach der anderen aus dem Eigentümerkreis ausgestiegen ist.

Wirklich spannend wird es nun, wenn die Hedge-Fonds in ein paar Monaten wieder aussteigen. Niemand kann ausschließen, dass die Börse dann zerschlagen wird, dass einzelne Segmente oder das Abwicklungssystem verkauft werden. Es sei denn, es findet sich ein neuer Großaktionär, dem eine starke Börse am Finanzplatz Frankfurt etwas wert ist – auf Dauer.

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