Heute hui, morgen pfui : Politik braucht mehr Prosa und weniger Poesie

Die Erschütterung über die dem US-Präsidenten Obama anzurechnende Niederlage der Demokraten bei den Kongresswahlen ist ungefähr so übertrieben, wie es die Erwartungen waren, die mit seinem Wahlsieg vor zwei Jahren verbunden wurden.

von
Kolumnist Robert Leicht
Kolumnist Robert LeichtZeichnung: Tsp

Meine Güte, wie wurden damals jene als Spielverderber nahezu ausgepfiffen, die es wagten, auf die geradezu naturnotwendig heraufziehenden Enttäuschungen hinzuweisen. Natürlich war Obamas Sieg aller Freuden wert, doch hätten ein normales historisches Bewusstsein und eine vertiefte Einsicht in die Konflikthaftigkeit jeder Politik auch zur Nüchternheit raten müssen.

Just vor fünfzig Jahren war John F. Kennedy zum Präsidenten gewählt worden. Erinnert sich denn niemand mehr – sowohl an die ähnlich aufgewühlte anfängliche Begeisterung als auch an die grobe Ernüchterung, die spätestens nach zwei Jahren einsetzte und Kennedys Präsidentschaft dauerhaft gezeichnet haben würde, wäre er nicht ermordet worden? In diesen Stimmungsausschlägen – heute hui, morgen pfui – schlägt sich beides nieder: die Überschätzung des Charismas einzelner Politiker und die Unterschätzung der komplexen Widerständigkeit politischer Prozesse, und zwar in allen offenen Gesellschaften und demokratischen Verfassungen, mitunter sogar in diktatorischen Systemen.

Selbst ein so wirkungsmächtiger Politiker wie Otto von Bismarck sprach in immer neuen Varianten seinen berühmten Satz von den begrenzten Handlungsmöglichkeiten der Politik: „Politik ist, dass man Gottes Schritt durch die Weltgeschichte hört, dann zuspringt und versucht, einen Zipfel seines Mantels zu fassen.“ Wie oft musste der vermeintlich „Eiserne Kanzler“ lavieren, finassieren, koalieren, um doch nur langsam voranzukommen. Wie enorm der Druck der Widerstände auf ihm lastete, zeigte jenes morgendliche Geständnis, er habe die ganze Nacht wach gelegen und „nur gehasst“. Und apropos Charisma: Wie kurz – ungeachtet seiner historischen außen- und deutschlandpolitischen Leistung – war der Weg Willy Brandts vom hochgestimmten Versprechen „Wir wollen mehr Demokratie wagen“ bis zum kaum drei Jahre später von ihm selbst mit verabredeten „Radikalenerlass“? Wie kurz der Pfad von den angekündigten „inneren Reformen“ zu einer schuldenlastigen Finanzpolitik, die drei Finanzminister (Möller, Schiller, Schmidt) zur Verzweiflung trieb, in viereinhalb Jahren?

Wie wäre es, wir nähmen endlich Abschied von der illusionären Überforderung der Politik, vor allem der Politiker – was ja nicht bedeutet, die Albernheiten des ersten Jahres unserer schwarz-gelben Bundes-Koalition für schicksalshaft erzwungen zu interpretieren –, um uns auf das realistisch zu Erwartende einzustellen. Wiederum Bismarck: „Politik ist die Kunst des Möglichen.“ Man kann auch sagen: des eben noch Möglichen.

Schon der Altmeister Machiavelli wusste, dass das Charisma – oder wie er sagte: die „virtu“ – allein wenig nützt, wenn der Politiker nicht glückhaft auf eine „occasione“ trifft, auf eine der seltenen Gelegenheiten, in denen seine Begabung zum Zuge kommt, die sonst ungenutzt verrotten würde. Wenn wir die Politik mehr prosaisch als poetisch betrachten würden, wäre das zwar etwas langweiliger, aber viel gerechter.

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