Meinung : Hier rechnet der Chef noch selbst

Im Mannesmann-Prozess kommt Peinliches über Klaus Esser ans Tageslicht

Dieter Fockenbrock

Wenn Sekretärinnen plaudern! Dann könnten sie Dinge erzählen, die bisweilen nicht zur akademisch-feinen Business-Welt der Herren Manager passen. Zum Glück sind diese Stützen der Vorstandsetagen verschwiegen. Das müssen sie auch. Denn Geschäftsgeheimnisse auszuplaudern hieße Verrat an dem Unternehmen – und möglicherweise die Gefährdung tausender Arbeitsplätze.

Nur manchmal, wie jetzt im Mannesmann-Prozess, geben die namenlosen Angestellten einen kleinen Einblick in die große weite Welt des Topmanagements. Und dieser Einblick ist so gar nicht in Einklang zu bringen mit unseren Erwartungen, dass an der Spitze deutscher Konzerne Profis sitzen, die täglich mit Millionen jonglieren, ohne mit der Wimper zu zucken. Die Entscheidungen nach Recht und Sachlage treffen, kühl und emotionslos, und alles zum Wohle des Unternehmens, seiner Mitarbeiter und Aktionäre tun, ohne sich dabei von persönlichen Motiven leiten zu lassen.

Irrtum. Bei Mannesmann jedenfalls herrschten am Ende nur noch die Raffkes. Der zumeist tadellose öffentliche Auftritt des früheren Vorstandsvorsitzenden Klaus Esser und seines Aufsichtsratschefs Joachim Funk täuscht gewaltig – glaubt man den Aussagen einiger dieser Mitarbeiterinnen.

Die Verhandlungswoche im Düsseldorfer Mannesmann-Prozess versprach nichts Spektakuläres. Sekretärinnen und Sachbearbeiterinnen waren als Zeugen gerufen. Niemand rechnete mit einer Sensation. Das Gegenteil war der Fall. Vor allem die Aussagen einer Sachbearbeiterin, die für die Abwicklung von Vorstandsgehältern, Aufsichtsratstantiemen und Prämien zuständig war. In der Vorstandsetage ging es zu wie bei einem schlecht organisierten Sportverein.

Da flatterten der Sachbearbeiterin für die kniffeligen Vergütungsfragen plötzlich millionenschwere Prämienanweisungen auf den Tisch, die nicht im Entferntesten den sonst so penibel eingehaltenen Vorschriften entsprachen. Aufsichtsratschef Funk genehmigte sich sogar selbst eine stattliche Prämie und unter den Sitzungsprotokollen des Kontrollgremiums fehlten gleich mehrere Unterschriften. Schon die Briefköpfe erregten den Verdacht der Sachbearbeiterin. Denn diese Briefköpfe wurden sonst nur für Geburtstage oder Kondolenzen verwendet, sagte die Zeugin aus.

Es kam noch besser. Als sie die in britischen Pfund angewiesene Prämie für Konzernchef Esser mit dem amtlichen Mittelkurs auf D-Mark umrechnete, erhielt sie eben diese Zahlungsanweisung postwendend mit einem neuen Umrechnungskurs zurück. Mit dem Ergebnis, so berichtete die Zeugin, dass Klaus Esser 100 000 D-Mark mehr Abfindung bekam. Nur zur Erinnerung und der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle erwähnt, dass Herr Esser insgesamt 30 Millionen Euro, also knapp 60 Millionen D-Mark an Vertragszahlungen und Prämien nach dem Ende der Übernahmeschlacht kassierte.

Juristisch, das mag sein, ist das alles nicht von besonderer Relevanz. Denn das Düsseldorfer Gericht soll in dem Prozess vor allem klären, ob die Prämienzahlungen zum Schaden des Unternehmens und seiner Aktionäre vorgenommen wurden sind. Immerhin geben sie einen kleinen Hinweis darauf, dass in der letzten Runde der zweifellos hitzigen Übernahmeschlacht nicht alles ordnungsgemäß abgelaufen ist.

Erschüttert wird durch diesen Blick hinter die Vorstandskulissen aber die Standardrechtfertigung von Esser und anderen deutschen Konzernführern: Solche Prämien seien international durchaus üblich, weil sie die geleistete Arbeit für das Unternehmen und vor allem die Wertsteigerung widerspiegelten. Das Argument ist weiterhin richtig. Daran ändert auch der Mannesmann-Prozess nichts. Aber jetzt ist es unglaubwürdig. Wer nach der letzten Mark bei der Prämie giert oder sich selbstgerecht Prämien zuteilt, kann allenfalls vor Gericht Gnade erwarten; moralisch hat er sich selbst verurteilt.

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