Meinung : Hilfe, die Lamadecke!

Vom besonderen Charme des Verbraucherschutzes, der seinen 50. Geburtstag feiert

Heike Jahberg

Fangen wir mit dem Begriff an: Verbraucher. Ein Verbraucher ist jemand, der etwas verbraucht. Er ist das letzte Glied in einer langen Kette. Vor dem Verbraucher kommen viele andere: Menschen, die sich etwas ausdenken, etwas herstellen, für eine Sache werben und sie verkaufen. Dann kommt der Verbraucher. Danach kommt nichts mehr. Wenn eine Sache verbraucht ist, ist sie weg.

Auch der Verbraucherschutz, der heute seinen 50. Geburtstag feiert, ist so ein Begriff ohne Sex-Appeal. Verbraucherschutz erinnert an Tierschutz oder Naturschutz. Er suggeriert: Der Verbraucher ist ein armer Wurm, der ständig über den Tisch gezogen wird und der Allmacht der fiesen Unternehmer ausgeliefert ist, die nur sein Schlechtestes im Sinn haben. Weil der Verbraucher nicht in der Lage ist, auf sich selbst aufzupassen, müssen das andere tun – die berufsmäßigen Verbraucherschützer bei der Stiftung Warentest, bei den Verbraucherzentralen und bei ihrem Bundesverband. Seit wenigen Jahren sitzt der Verbraucherschutz auch noch am Kabinettstisch – in Gestalt der grünen Verbraucherschutzministerin Renate Künast.

Muss das sein? Müssen wirklich jährlich Millionen Euro aus Steuergeldern in den Verbraucherschutz fließen? Sind die deutschen Verbraucher auch nach 50 Jahren Verbraucherarbeit noch immer so arglos, dass sie nicht auf eigenen Beinen stehen und vernünftige Entscheidungen treffen können?

Die Antwort ist: Verbraucherschutz muss sein. Richtig ist aber auch: Nicht jeder Bürger ist gleichermaßen auf Schutz und Beratung angewiesen. Denn Verbraucher ist ein jeder – der Schulabbrecher genauso wie der hochdekorierte Wissenschaftler, der Familienvater genauso wie der Single, der Arbeitslose genauso wie der Unternehmer. Deshalb kann es keinen normierten Verbraucherschutz von der Stange geben. Das heißt aber nicht, dass der Verbraucherschutz an sich entbehrlich ist. Denn viele Entscheidungen können Verbraucher nicht ohne Hilfe treffen – selbst gut informierte nicht. Wer jemals versucht hat, die optimale Baufinanzierung zurecht zu zimmern, kann davon ein Lied sagen. Und wer nur Sonnenmilch kaufen will, kann zwar sagen, welches Produkt gut riecht, aber was wirklich drin ist, können Käufer ohne eigenes Labor im Hobbykeller nicht beurteilen.

Aber muss wirklich der Staat für diesen Service zahlen? Sollen nicht diejenigen, die auf die Ergebnisse der Stiftung Warentest scharf sind oder die eine Rechts-, Patienten- oder Anlageberatung bei der Verbraucherzentrale brauchen, nach dem Vorbild des ADAC einen Verbraucherclub gründen und Mitgliedsbeiträge zahlen? Braucht man wirklich einen Bundesverband der Verbraucherzentralen, der ohne demokratische Legitimation entscheidet, was die Verbraucher, was Sie oder ich, wollen?

Man braucht. Weil Sie, Ihr Nachbar, Ihr Arbeitskollege und Ihr Sportvereins-Kamerad unterschiedliche Persönlichkeiten sind, die eben keine einheitlichen Interessen und Hobbys haben. Die aber braucht man, wenn man einen Club gründen will. Der Mieterbund ist so ein Beispiel, die Autoclubs auch. Hinzu kommt: Niemand will sich wirklich ernsthaft mit Verbraucherschutz beschäftigen. Niemand will über Kreditzinsen, Lebensversicherungen oder Lamadecken nachdenken. Aber jeder möchte Hilfe, wenn er den Vertrag unterschrieben hat und feststellt, dass das ein Fehler war.

Verbraucherschutz ist mehr als Service. Die Frage, in welcher Welt wir Verbraucher leben wollen, hat eine politische Dimension. Konsumenten, die bereit sind, nicht nur auf den Preis zu achten, sondern auch danach zu fragen, unter welchen Bedingungen Nutztiere aufgezogen worden sind, tragen dazu bei, dass Seuchen wie BSE seltener werden. Und Haushalte, die in der Strompreistabelle nicht nur nach dem billigsten Anbieter suchen, sondern ökologisch sauberen Strom wollen, helfen mit, dass Katastrophen wie Tschernobyl seltener werden. In „Geiz-ist-geil-Zeiten" haben solche Ideen nicht gerade Hochkonjunktur. Dennoch zeigen sie: Verbraucher können auch gestalten, nicht nur verbrauchen.

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