Meinung : Hillary ist noch nicht Präsidentin

Wer jetzt bei Demokraten und Republikanern führt, hat noch lange nicht gewonnen

Christoph von Marschall

Einen Wendepunkt im Präsidentschaftsrennen nennen die US-Medien Hillary Clintons Straucheln bei der TV-Debatte der Demokraten am Dienstagabend. Ihre Verfolger Barack Obama und John Edwards griffen sie erstmals hart an, und die Frau, deren Weg ins Weiße Haus eben noch unaufhaltsam schien, zeigte Schwächen. Sie widersprach sich zwei Mal innerhalb weniger Minuten.

Überraschen kann diese Wende nur jene, die zuvor der Suggestion erlegen waren, die Präsidentschaftswahl 2008 sei so gut wie gelaufen, zwölf Monate vor dem Wahltag. Nicht einmal der Sieg der Demokraten ist so wahrscheinlich, wie es in der verbreiteten Anti- Bush-Stimmung erscheinen mag.

Natürlich, die Umfragen zeigen ein scheinbar klares Bild: In den Sympathien der Wähler liegen die Demokraten im Verhältnis 50 zu 30 vor den Republikanern, der Rest ist unentschieden. Nach den Umfragen ist Hillary Clinton auch die klare Favoritin bei den Demokraten, mit gut 20 Prozentpunkten Vorsprung vor dem Zweiten, Barack Obama. Ähnlich klar führt Rudy Giuliani bei den Republikanern. Doch diese Zahlen sind keine belastbaren Fakten, warnen die Demoskopen, sie schildern momentane Stimmungen. Und ein Gutteil der angeblichen Zustimmung zeigt nur, wie bekannt ein Kandidat ist.

Von Hillary Clinton hat fast jeder Amerikaner gehört, ebenso von Rudy Giuliani, New Yorks Bürgermeister während des Terrorangriffs am 11. September 2001. Die Konkurrenz ist noch dabei, sich landesweit bekannt zu machen, mit Anzeigenkampagnen und Wahlkampfreisen. Die meisten Bürger beschäftigen sich zudem noch nicht mit der Wahl, sie wollen Thanksgiving und Weihnachten unbehelligt von der Politik feiern. Erst ab Januar werden sie das Rennen intensiver verfolgen. Wenn die Menschen aber noch keine feste Meinung haben, wen sie bevorzugen, dann können die Demoskopen auch keine festen Meinungen messen. Die heute verfügbaren Zahlen sind wenig wert.

Man muss vielmehr erwarten, dass Hillarys wie Giulianis Steigflug in naher Zukunft endet. Hillarys Bekanntheit hat eine Kehrseite. Beliebt ist sie unter Demokraten. Auf der Gegenseite sagen fast 50 Prozent der Amerikaner, sie werden niemals für sie stimmen. Deshalb wünschen sich die Republikaner Clinton als demokratische Kandidatin, weil sie ihre eigenen Anhänger weit besser gegen sie mobilisieren können als gegen Obama und so die Präsidentschaftswahl doch noch zu gewinnen hoffen.

Auch Giulianis Führung ist wackelig. Er ist ein Konservativer nach New Yorker Maßstäben, aber sein Eintreten für Abtreibungsfreiheit und Waffenkontrolle sowie seine zwei Scheidungen sind ein Horror für Republikaner in Amerikas Herzland, den Farmstaaten zwischen den beiden Küsten. Sobald ein attraktiver Konkurrent, wie zum Beispiel Mitt Romney, ein Vorzeigepatriarch mit fünf verheirateten Söhnen und zehn Enkeln, landesweit bekannt ist, dürfte Giulianis Stern sinken.

Es ist gewiss nicht ausgeschlossen, dass am Ende doch Clinton gegen Giuliani antritt. Aber ebenso gut können die Favoriten stürzen. Sie müssen erst mal die parteiinterne Konkurrenz um die Nominierung in den Vorwahlen ab Januar gewinnen. Bei den Wahlen der jüngsten Jahrzehnte ist die Hälfte der Favoriten des Vorwahlherbstes daran gescheitert.

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