Meinung : Himmlische Heimat

Je unübersichtlicher die Welt wird, desto größer das Bedürfnis nach einem überschaubaren Daheim. Dieses Zuhause braucht nicht immer einen Ort. Viel wichtiger ist: Nichts und niemand kann es infrage stellen.

Wilhelm Schmid

Weihnachtszeit und Heimatgefühle, das gehört in den Augen vieler zusammen. Wer jetzt nicht zu Hause ist, sehnt sich danach, es zu sein – aber wo? Und kann es jemals wieder so schön sein wie damals, am Ort der Kindheit? Die Heimat ist zunächst eine räumliche, ein Ort, den ein Mensch anfänglich vorfindet, an dem er aufwächst und somit von ihm herkommt, ohne dass er ihn sich selbst ausgesucht hat. Diese Herkunftsheimat ist ihm vollkommen vertraut und meist liebt er sie innig. Der Rückbezug darauf, die Beziehung dazu, das Verwurzeltsein darin sorgt für einen Sinn, in dem ein Mensch sich physisch, psychisch und metaphysisch geborgen fühlen kann. Je unübersichtlicher die Welt, desto größer das Bedürfnis nach einem solchen überschaubaren Daheim.

Zur „zweiten Heimat“ wird ein zusätzlicher, gefundener und gewählter Ort. Diese Wahlheimat gewinnt im Laufe der Moderne für eine stets wachsende Zahl von Menschen an Bedeutung, weil dort Arbeit, Freiheit, Zuflucht, Beziehung, neue Impulse zu finden sind. Anders als bei der Herkunftsheimat kann die fraglose Zugehörigkeit hier jedoch infrage stehen, zumindest anfänglich, womöglich dauerhaft. Zweierlei könnte dem Heimischwerden in der zweiten Heimat förderlich sein: Der Verzicht derer, die schon da sind, diesen Ort als ihr Eigentum zu betrachten. Und die Anstrengungen derer, die neu hinzukommen, sich auf diesen Ort einzulassen. Auf Rückkehr in die erste Heimat zu hoffen, erschwert die Verwurzelung in der zweiten.

Die Zugehörigkeit zu einer Wahlheimat kann im Übrigen schon empfunden werden, ohne jemals dort gewesen zu sein. Von Berlin heißt es in einem Popsong der Hamburger Gruppe Blumfeld („Eine eigene Geschichte“, Album „L'Etat et Moi“, 1994), dies sei der Ort, „wo die Leute aus Heimweh hinzieh’n“, ein Ort also, von dem Menschen sich Vorstellungen machen, die ihn als Heimat erscheinen lassen, bevor sie wirklich dort leben. Auch inmitten der großen Stadt erweist sich die Heimat dann aber wieder als ein kleines Dorf, zu dem das vertraute Viertel oder die eigene Straße wird.

Die Heimat kann außerdem eine zeitliche sein, kein Ort im Raum, sondern eine Verankerung in der Zeit, erfahrbar in der Liebe zum Stil einer Zeit. Die Liebe zur zeitlichen Heimat drückt sich im Stil der Kleidung und im gesamten Lebensstil aus, der dem Stil der jeweiligen Zeit angeglichen wird. Es muss sich dabei nicht um die Gegenwart handeln, heimeliger erscheint vielleicht ein anderes Jahrzehnt oder Jahrhundert. Großer Beliebtheit erfreuen sich im Rückblick auf das 20. Jahrhundert bei manchen die 20er Jahre mit ihrer angeblichen Frivolität, die 50er Jahre mit Pettycoat und Rock’n Roll, die 70er Jahre mit romantischen Träumen von Frieden und freier Liebe.

Auch der Musikstil kann eine Heimat sein, er schafft einen Klangraum, in dem es sich leben lässt: Das gilt für die Musik der Barockzeit, der Wiener Klassik, der Romantik und Spätromantik ebenso wie für die Volksmusik der Moderne, die unentwegt die verlorene Heimat besingt und sehr anders klingt als etwa die Volksmusik des Mittelalters. Und es gilt erst recht für den weiten Bereich von Rock und Pop, für die populäre Musik von Blues, Country, Soul, Beat, Hardrock, Softrock, Punk, Rap, Techno, House, Blackmetal und vielem mehr. In jedem einzelnen Musikstück wird die Herkunftszeit hörbar.

Heimat kann also vieles sein, für jeden Menschen etwas anderes. Immer aber ist die Liebe zur jeweiligen Heimat eine unbedingte Liebe, unabhängig von irgendwelchen Bedingungen: Wie auch immer die Musik sich anhört, wie merkwürdig die Zeit ist, wie trist der Ort und die Region aussieht, welche Geschichte damit verbunden sein mag – es ist meine Heimat. Nichts und niemand kann sie infrage stellen.

Von Grund auf ist Heimat verbunden mit sinnlichen Erfahrungen, die bereits einen guten Teil des Sinns ausmachen, den sie vermittelt: Heimat sehen, hören, riechen, schmecken, berühren, sich in ihr bewegen, sie in sich spüren. Die sinnliche Heimat ist erfahrbar beim Anblick eines Hauses, einer Straße, eines Platzes, eines Hains, eines Baums, eines Himmels, der sich mit vertrauten Wolkengebilden darüber wölbt, einer alten Brücke, die das erste Rendezvous getragen hat. Heimatlich sind charakteristische Klänge und Geräusche, das Glockengeläut in einer christlich geprägten, der Ruf des Muezzin in einer islamisch geprägten Region, die Gerüche bestimmter Räume und verschiedener Jahreszeiten. „Heimatgeschmacksverstärker“ sind die Wurst, der Käse, der Wein, das Bier der Region, der Kartoffelsalat mit Gurken, der seit Kindheitszeiten ein „Gedicht“ ist, die Flädlesuppe (Achtung: Schwaben!), andernorts die Soljanka, überhaupt der Geschmack der heimischen Küche, denn auch die Liebe zur Heimat geht durch den Magen.

Oft mit Sinnlichkeit verbunden, ist Heimat alles, woran ein Herz hängt, was starke Gefühle in einem Menschen auslöst und somit fern von jeder Gleichgültigkeit ist: Eine reiche Quelle für seelischen Sinn. Wo ich dazugehöre und somit „richtig bin“, wo ich das gemeinsame Leben mitgestalten kann, dort ist meine seelische Heimat, beginnend bei mir selbst: Wenn ich mich gut mit mir verstehe, kann ich immer bei mir zu Hause sein, egal wo ich bin, ein guter Grund für die Befreundung mit sich selbst. Heimat ist sodann jedes vertraute Gesicht, in das ich blicke und das mir, wenn es abwesend ist, geistig vor Augen steht. An der Seite des Menschen, den ich liebe, ist mein Zuhause, wo immer das sein mag, ebenso im Kreis der Familie, der Freunde und Kollegen, der Wesen und Dinge, die mir viel bedeuten.

Zugleich existiert Heimat nicht nur in der Sinnlichkeit und in Gefühlen, sondern auch in Gedanken, und dort vielleicht am allerstärksten. Sinn vermitteln hier die Vorstellungen und Erinnerungen, die als geistige Heimat erlebt werden: Denkweisen, die einem Menschen so geläufig sind, dass sie ihm gar nicht weiter auffallen, Deutungen und Wertungen, für die der Ausdruck einer „hermeneutischen Heimat“ geprägt werden kann. Bücher können eine solche Heimat sein, und überhaupt alle Kunst und Kultur. Heimat ist die vertraute Sprache, die ich hörend und lesend verstehe und in der ich mich sprechend und schreibend ausdrücken kann. Hier verstehe ich jedes Wort und kenne den Hintersinn, der nur anklingt und mitschwingt. Hier weiß ich, wann ein Lachen oder ein Lächeln angebracht ist und was es bedeutet. Hier kenne ich die Rituale, die immer gleichen Vollzüge, das „Brauchtum“ all der Dinge, die auf diese Weise nur hier und nirgendwo sonst in Gebrauch sind. Kommt es zu einer starken Verschiebung im Bedeutungsgefüge, wie etwa nach der Wende von 1989 in Ostdeutschland, kann ein Mensch fremd werden im eigenen Land.

So selbstverständlich ist diese Welt, dass ein Mensch seine Heimat oft erst dann als solche erfährt, wenn er sie verlässt, und sei es nur für kurze Zeit: In der gewonnenen Ferne wird die verlorene Nähe bedeutsam. Wer die Bedeutung der Heimat für sich genauer kennenlernen will, muss sich von ihr trennen. Wer aber wieder zurückkommt an den Ort, der seine Heimat war, findet den Raum menschlich, räumlich, hermeneutisch so sehr verändert vor, dass er nicht mehr dem entspricht, was in der Vorstellung Heimat war: Heimat ist auch ein Ort der Illusion, der nur noch in der Erinnerung existiert, ein Grund der Enttäuschung für viele Vertriebene, Exilanten, Aussiedler, Migranten und moderne Nomaden, aber auch für alle, die ihre Kindheitsheimat nicht mehr wiederfinden.

Es kann schrecklich sein, nach Hause zu kommen und sich dort fremd zu fühlen, verlassen von all dem, was geliebt worden ist und was durch die Liebe erst Bedeutung erhielt. In der großen, weiten Welt „da draußen“, inmitten aller Verunsicherungen wurde immer eine Art von Rückversicherung darin gesehen, eine kleine, gemütliche Welt „da drinnen“ zu kennen, in der die Welt noch in Ordnung ist. Jetzt aber erscheint alles öde und leer und die ganze Welt, die ausgehend von diesem Zentrum in konzentrischen Kreisen zum Zuhause geworden ist, wird zur Wüste. Kein Problem, wenn das ein momentaner Eindruck ist, der vergeht, schlimm jedoch, wenn er bleibt, denn am schlimmsten ist ein Heimweh ohne Heimat.

Im selben Maße, in dem in moderner Zeit die Bindung an konkrete Orte abnimmt, wächst das Bedürfnis nach Heimat. Lange wurde es auf die abstrakte Größe einer Nation bezogen. Ursprünglich war damit, dem lateinischen „natio“ entsprechend, die Herkunft per Geburt gemeint, ein Ort, aber auch ein sozialer Stand. Erst später wurde daraus die Zusammengehörigkeit von Menschen in einem bestimmten Land im Raum, mit einer bestimmten Geschichte in der Zeit. Im Nationalismus geriet diese Art von Heimat zu einer Ideologie, mit der jedes Verbrechen gegen die Menschlichkeit legitimiert wurde.

In der Phase der Globalisierung aber lösen immer mehr Menschen die Heimat von einem festen Ort ab und fühlen sich unterwegs zu Hause. Zur Unterwegsheimat werden temporär frequentierte Orte: Raststätten, Bahnhöfe, Flughäfen, Verkehrsmittel wie Autos, Züge, Flugzeuge. Die über den Wolken schwebende Kabine wird zur Heimat des Menschen, der sich von allem befreit und nur noch dem Zwang unterliegt, allen Zwängen entfliehen zu wollen. Technische Geräte der Kommunikation, Laptops, Smartphones, Tablets erlauben außerdem den permanenten Aufenthalt in einer digitalen Heimat, in der die digital natives, die in diesem Raum aufgewachsen sind, anderen begegnen, die noch analog beheimatet sind.

Gibt es eine Heimat auch dort, wo noch niemand war? Dort, wohin die Sehnsucht Menschen zieht? Heimat ragt über die gegenwärtige und über jede Zeit weit hinaus, um beispielsweise Geborgenheit im Niemandsland der Utopie zu bieten. Die Hoffnung auf ihre Realisierung begründet eine Heimat in der Zukunft, in der Möglichkeiten wirklich werden können, die nach ihrer Verwirklichung wieder die Sehnsucht nach anderen Möglichkeiten wach werden lassen. Außer in der Utopie wird auch im Traum und in der Fantasie die Liebe zur Heimat in einer anderen Welt wach, in der Nostalgie wiederum die Liebe zur Heimat in einer vergangenen Wirklichkeit.

Seit dem ersten Flug von Menschen zum Mond kommt darüber hinaus die Heimat des Menschen im Kosmos in den Blick. Mit dem astronautischen Blick von außen wird die Erde selbst zur Heimat, diese bunte Kugel in der unendlichen Schwärze des Alls, die von ferne für die menschlichen Geräte, die gerade eben das Sonnensystem hinter sich lassen, nur noch als ein leuchtender Punkt erscheint, bevor auch der verlöscht. Die gesamte Natur des Planeten und die in sie eingebettete Kultur zu beobachten und zu beschreiben, ist eine Form von Heimatliebe, die Alexander von Humboldt schon in der Frühzeit der Moderne auf eindrucksvolle Weise demonstrierte: Sein Buch Kosmos (1845) begann mit dem vorgestellten Blick aus dem All, der viel später erst Astro-, Kosmo- und Taikonauten, im 21. Jahrhundert zudem den Passagieren privater Raumflüge mit technischer Hilfe zugänglich wurde und dazu führte, die Erde als kosmische Heimat zu erfahren.

Zuletzt aber kann es um eine himmlische Heimat noch in einem ganz anderen Sinne gehen, über Menschen, Erde und Sternsysteme hinaus. Als Zuhause gilt dann das Göttliche und Gott, was auch immer der jeweilige Mensch darunter versteht. Mit einer solchen Heimatliebe kann ein Mensch sich „von guten Mächten wunderbar geborgen“ wissen, wie der Theologe Dietrich Bonhoeffer 1944 aus dem Gefängnis an seine Verlobte schrieb, bevor er wenige Monate später von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Heimat geht somit unendlich weit über das hinaus, was sie zunächst zu sein schien. Überall zwischen dem engsten und weitesten Kreis des Lebens ist Heimat möglich. Irgendeine Heimat braucht jeder Mensch, und wahrscheinlich mehr als eine, aber nur der Einzelne selbst kann entscheiden, wo er sie sucht und wo er sie irgendwann glücklich gefunden hat. Auch abseits von Weihnachten.

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