Meinung : Hinaus in alle Welt

Wie Benedikt XVI. in Großbritannien seine ganz eigene Kirche von unten formuliert

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Für die katholische Kirche war es ein Probelauf – und er scheint gelungen. Die Reise Benedikts XVI. nach Großbritannien hat gezeigt, dass ein Papst sich trotz der Missbrauchsskandale immer noch vor einer fremden Öffentlichkeit sehen lassen kann. Und mehr als das: Benedikt hat ausgerechnet im säkularisierten bis kirchenfeindlichen Großbritannien wieder Boden gut gemacht. Wenn die „Times“ befindet, die katholische Kirche sei „längst nicht mehr jener repressive Monolith, als den sie viele sehen wollen“, dann kommt das einer offiziellen Anerkennung gleich.

Natürlich gab es Proteste – aber niemand hat Benedikts Auftritte gestört. Natürlich gab es viel mehr Desinteresse als Neugier – aber Benedikt hat auch ein zum Zuhören bereites Publikum gefunden. Und in der Tat: Was er sagte, wie er es sagte, das war bemerkenswert.

Benedikt hat den Briten keine Moralpredigt gehalten; er hat die moderne Gesellschaft nicht als „Kultur des Todes“ verteufelt, wie es im Vatikan unter Johannes Paul II. und einem gewissen Joseph Ratzinger lange Zeit üblich war. Vielmehr hat er mit der bunten britischen Gesellschaft einen Frieden geschlossen, zu dem große Teile des Kirchenvolks noch nicht bereit sind. Während sich viele Christen, nicht nur in Großbritannien, von einem „aggressiven“ Islam überfahren fühlen, sieht der Papst in der multikulturellen Gesellschaft „eine Gelegenheit, andere Religionen kennenzulernen und Seite an Seite mit ihnen Wege zu suchen“, die der „Harmonie, dem Frieden, der Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung“ dienen.

Nicht der Rückzug ins „reine“ Katholische ist für den Papst die Antwort auf Säkularisierer und Atheisten; vielmehr muss für ihn dort, wo die „Grundwerte“ einer Gesellschaft gefährdet sind, der „authentische religiöse Glaube“ gestärkt werden.

„Wir Angehörige verschiedener religiöser Traditionen …“, sagt Benedikt. So viel Gemeinsamkeit, so viel Gleichrangigkeit hat er selten beschworen. Gewiss, strukturelle Kirchenreformen sind von diesem Papst nicht zu erwarten: Den Zölibat wird Benedikt nicht abschaffen. Aber er versucht, seine Kirche neu zu verorten in einer Welt, die sich für „diesen Verein“ nicht mehr oder nur dann interessiert, wenn es Skandale gibt. Er versucht, die sich wechselseitig korrigierende Beziehung von Wissenschaft und Religion, von Vernunft und Glaube neu zu beleben in einer Zeit, in der einerseits alles „rationalistisch“ zu sein hat, sich andererseits religiöse Fundamentalismen jeder vernünftigen Kritik entziehen.

Es ist eine Kursvorgabe für die Kirche von heute und morgen. Die Zeiten katholischen Triumphalismus sind zu Ende, das Pontifikat Johannes Pauls II. nunmehr vorbei. Ein Zurück gibt es nicht.

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