Meinung : Hinterher sind alle schlauer

Der Bericht zum 11. September verteilt keine Schuld – verhindert aber Legendenbildung

Malte Lehming

Adolf Hitler hatte „Mein Kampf“ geschrieben, die Nazis waren längst an der Macht. Es gab Ausschreitungen, willkürliche Verhaftungen, diskriminierende Gesetze. Dennoch blieben viele Juden in Deutschland. Mit Auschwitz rechneten sie nicht. Das sei naiv und töricht gewesen, hieß es im Nachhinein. Übergroß hätten die Zeichen an der Wand gestanden. Sind solche Vorhaltungen wohlfeil?

Wenn es passiert, musste es passieren: Das ist das brutale Gesetz der Geschichtsschreibung. Jedem Ereignis wird post festum eine Ursache und eine Entwicklung zugeordnet. Dann bilden als disparat wahrgenommene Dinge eine Kausalkette. Er halte zwar den Zufall für den „wahren Diktator des Weltgeschehens“, sei aber vom Glauben an Zusammenhänge nicht abzubringen, schreibt Karl Kraus. Geschichte ist immer auch die Sinngebung des Sinnlosen. Erst wenn es passiert, ist klar, warum es passierte.

Hätten die Terroranschläge vom 11. September 2001 verhindert werden können? Mit dieser Frage hat sich in den USA eine unabhängige Kommission befasst. Ihr gehörten fünf Republikaner und fünf Demokraten an. Gestern hat sie ihren knapp 600 Seiten starken Abschlussbericht veröffentlicht. Die Essenz war vorher bekannt: CIA und FBI haben geschlampt, die Geheimdienste selten miteinander, manchmal gegeneinander gearbeitet, die Regierungen Clinton und Bush die Bedrohung nicht ernst genug genommen. Zehn Gelegenheiten wurden verpasst – vier in den acht Clinton-Jahren, sechs in den acht Bush-Monaten –, den Plan von Osama bin Laden und seinem Al-Qaida-Netzwerk zu vereiteln. Und: Der Iran hat weitaus enger mit den Terroristen zusammengearbeitet als der Irak.

Kritisch äußert sich die Kommission auch zu einigen Einschränkungen von Bürgerrechten. Selbst inhaftierte mutmaßliche Terroristen müssten human behandelt werden. Empfohlen schließlich wird die Neuorganisation der Geheimdienste und die Ernennung eines Geheimdienstministers. Der Abschlussbericht ist einstimmig verabschiedet worden. Für zehn Dollar ist er als Taschenbuch im Handel erhältlich, die Nachfrage ist überwältigend.

Nun ist Wahljahr in Amerika. In 102 Tagen steht das Land vor einer Richtungsentscheidung. In drei Tagen beginnt der Nominierungsparteitag der Demokraten. Deshalb versuchen beide Lager, den Bericht zum Nachteil des Gegners auszulegen. Die Anschläge seien in der Amtszeit von Bush verübt worden, tönt die Opposition. Bin Laden sei jahrelang von Clinton unbehelligt geblieben, kontert die Regierung. Die Politisierung der Katastrophe prägt die Debatte. Konkret geschehen wird in absehbarer Zeit wenig. Der Kongress geht in eine sechswöchige Sommerpause. Der Chef des Heimatschutzministeriums hat bereits seinen Widerstand gegen die Schaffung eines Geheimdienstzaren angemeldet.

Was also bleibt von der Kommission? Die Aufklärung! 19 Monate lang hat sie gearbeitet. Ihre Anhörungen waren zum größten Teil öffentlich. Als Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice und der Ex-Terrorchef im Weißen Haus, Richard Clarke, erschienen, sah die ganze Nation zu. Es war Geschichtsschreibung zum Anfassen, Aufarbeitung des nationalen Schocks und Aufdeckung von Verfehlungen. Vielen Amerikanern hat sie ein Stück Katharsis bereitet. Bewundernswert war, wie einmütig, hartnäckig und konzentriert die Kommissionsmitglieder waren. Der Versuchung zur Klüngelei und parteipolitischen Profilierung erlagen sie nicht.

Hätten die Anschläge verhindert werden können? Wer das behauptet, ist ein Schlaumeier. Das wichtigste Vermächtnis der 9/11-Kommission ist es, die Geschichte dieses Verbrechens akribisch dokumentiert zu haben. Das erschwert die Legendenbildung. Sie hat ein honoriges Beispiel über die Selbstheilungskräfte einer offenen Gesellschaft geliefert.

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