Meinung : Hoch neurotisches Sicherheitsprocedere

„Abfertigung mit Schlangenbeschwörer“ vom 19. Mai

14 Jahre nach Eröffnung des neuen deutschen Parlaments im Reichstagsgebäude ist einer der beliebtesten Besucherorte der Hauptstadt zu einem chaotischen Mix aus Reisebussen, Containerdorf und Absperrgittern verkommen. Da war der Tränenpalast, ebenfalls ein absurdes Kontrollgebäude, noch ein architektonisches Schmuckstück dagegen.

Der klugen Entscheidung von Frau Süssmuth, die gläserne Kuppel auf dem Reichstag am Tag und die halbe Nacht für Besucher kostenlos zu öffnen, folgen Millionen Besucher aus dem In-und Ausland. Was sie erleben, um den grandiosen Aussichtspunkt und die großartige Architektur von Norman Foster erklimmen zu dürfen, ist ein hoch neurotisches Sicherheitsprocedere, das sich in unserer Demokratie eingenistet hat und scheinbar von niemandem mehr infrage gestellt wird. Was man da durchlaufen muss, erinnert an Polizeistaat und nicht an ein weltoffenes Land. Ein Besucher scheint in erster Linie eine Bedrohung darzustellen. In den heimlich angewachsenen Durchleuchtungscontainern arbeiten ca. 30 Kontrollbeamte, die mit den gesamten verantwortlichen Behörden und Polizeidienststellen sicher keinerlei Interesse haben, sich selbst abzuschaffen.

Abhilfe sollte ein neues Besucherzentrum schaffen, Kosten: 500 Millionen Euro! Wer schaffte es, eine solche Summe, ein dreiviertel Schloss, Hauptbahnhof oder Parlament zu errechnen für ein paar armselige Durchleuchtungsstellen? Hat man eine unterirdische Stadt geplant?

Wer noch einen Funken baukulturelles Verständnis für die Hauptstadtplanung hat, erinnert sich vielleicht, dass es von den Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank ein Bürgerforum zwischen Kanzleramt und Paul-Löbe-Haus geben sollte. Heute ist dort eine mit Wasserdüsen verzierte Leerfläche mit einer dauerhaft provisorischen Straße und hässlichen Entwässerungsgräben, die längst verschwunden sein sollten. Ein idealer Platz für ein großes Besucherzentrum mit Anmelde-, Abfertigungs- und Sicherheitsschaltern, Toiletten, Cafes und Andenkenläden, wo das Bundeskriminalamt sich richtig austoben könnte. Das alles für einen Bruchteil der Kosten, die Ramsauers sogenannte Experten da ausgerechnet haben.

Wenn Baukultur im Bauministerium eine Rolle spielen würde, könnte auch das bundesdeutsche Vorzeigeprojekt mit einem besucheroffenen Regierungsbauwerk wieder einigermaßen würdevoll daherkommen. Dafür braucht es umsichtige Baupolitik und mit Sicherheit nicht 500 Millionen Euro.

Thomas M. Krüger, Architekt,

Berlin Prenzlauer Berg

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