Meinung : Hochschul-Gutachten: Berlin ist doch Provinz

Uwe Schlicht

Berlins Universitäten hat es im ungünstigsten Moment erwischt. Die niederschmetternde Analyse des Wissenschaftsrates kommt zu einem Zeitpunkt, in dem angesichts der Finanzknappheit das Programm zur Hochschulerneuerung in Frage steht. Berlin hat, das belegt die Untersuchung, unter allen Hochschulstädten in Deutschland die meisten Studiengänge mit den längsten Studienzeiten.

Das ist keine Glanzleistung der Technischen und Freien Universität. Jahrelang war behauptet worden, dass die von Politikern vorgegebenen Regelstudienzeiten von neun Semestern für die meisten Studiengänge und maximal 12 Semestern für die Medizin gar nicht eingehalten werden könnten. Nun beweisen viele Universitäten nicht nur im Osten, dass es durchaus selbst in so anspruchsvollen Studiengängen wie den Natur- und Ingenieurwissenschaften zu schaffen ist. Vier Semester oder zwei Jahre früher geht es dort zum Diplom als in Berlin. Die Technische Universität München hat seit Jahren den Spitzenplatz in den Studienzeiten erklommen - starke Präsidenten, starke Dekane sind dort durch das neue Hochschulgesetz noch stärker geworden. Klare Verantwortlichkeiten traten an die Stelle der in Berlin üblichen organisierten Verantwortungslosigkeit. In Berlin wünschen sich viele keine starken Dekane und Präsidenten.

In der Stadt gibt es Koalitionen zwischen den Professoren, die möglichst alle Spezialgebiete in den Studienordnungen unterbringen wollen, und den Studenten, die während des Studiums ihre Lebensfreude nicht zu stark gemindert sehen wollen oder die jobben müssen. Jedes Argument, das durchgreifende Verkürzungen der Studienzeiten auf die lange Bank schieben kann, ist ihnen gut genug. Viel lieber schimpft der Berliner Professor auf die schlechte Vorbereitung in den Schulen. Aus Teilwahrheiten wurden Alibis gezimmert. Hinzu kommt die Scheu der Universitätsangehörigen vor Konflikten - eine späte Reaktion auf die vielen Wunden, die während der Studentenrevolte geschlagen wurden.

Außerdem bewerten Professoren Erfolge in der Forschung höher als ein Engagement in der Lehre. Das ist in den USA ganz anders. Wenn jetzt die Universitätspräsidenten mit den Politikern um die Einführung einer Mittelvergabe nach der Leistung ringen, dann denken sie lieber an Anreize als an Sanktionen. Anreize für eine Studienzeitverkürzung? Das ist wieder die alte Illusion von den Gutmenschen, die durch Argumente zu überzeugen wären, obwohl sich Arroganz oder das Beharren auf den Status quo als viel mächtiger erwiesen haben. Seitdem die Kultusminister aller Länder und der Wissenschaftsrat die radikale Studienreform mit dem Bachelor und Master durchzusetzen versuchen, ist der Widerstand aus den Berliner Universitäten besonders heftig geworden. Die Polemik von der Bachelorlüge, von der Gefährdung der traditionellen Universität Humboldts wurde benutzt, um die radikale Umorientierung in Frage zu stellen - obwohl über diesen Weg deutsche Hochschulabsolventen spätestens mit 25 Jahren im Beruf starten könnten.

Der eigentliche Anreiz für kürzere Studienzeiten kann nur in der Verantwortung gegenüber der jüngeren Generation und der Stadt liegen. In der Forschung haben die Berliner Universitäten Spitzenleistungen erbracht und sich in der Drittmitteleinwerbung in die Reihe der herausragenden Wissenschaftszentren eingereiht. Das ist angesichts einer oft provinziellen Politik in Berlin nicht hoch genug zu bewerten. Auch in der Lehre müssen Spitzenleistungen gezeigt werden, wenn der Ruf des Hochschulstandortes Berlin nicht ruiniert werden soll.

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