Hochschulen : Schwaben im Hörsaal

Rund die Hälfte der Berliner Studierenden hat in einem anderen Bundesland Abitur gemacht. Boom an den Unis: Warum die Flächenländer für ihre Studenten in Berlin zahlen sollten.

Anja Kühne

Studieren? Am liebsten in Berlin. Keiner anderen Stadt in Deutschland strömen so viele Bewerberinnen und Bewerber zu. Und von Jahr zu Jahr werden es mehr. Für Berlin sind die vielen Studierenden ein großes Glück. Sie wirken wie Frischzellen auf die Altersstruktur, kurbeln die hiesige Wirtschaft an und heben den Schnitt des lokalen IQ. Berlin müsste also eigentlich rote Teppiche vor den Immatrikulationsbüros seiner Hochschulen ausrollen.

Das geschieht aber nicht. Stattdessen sind die Eingänge zu Berlins Hörsälen mit Stacheldraht bewehrt. In mehreren Sparrunden wurden über Jahre hinweg Tausende von Studienplätzen vernichtet, die Berlin sich nicht leisten wollte. Deshalb schützen sich die Hochschulen vor den bildungshungrigen Massen inzwischen mit einem nahezu flächendeckenden Numerus clausus. Längst nicht jeder, der will, bekommt hier einen Platz. Darunter ist auch manch Landeskind mit nur gutem oder mäßigem Abiturschnitt, das von einer exzellenten Bayerin oder einem besseren Schwaben verdrängt wird. Rund die Hälfte der Berliner Studierenden hat in einem anderen Bundesland Abitur gemacht.

Mehr Studierende als Plätze: Berlin ist keine Ausnahme. Die für Deutschland vorhergesagte Studierendenwelle ist da. Im kommenden Jahrzehnt steigt die Zahl der Studierenden um mehrere Hunderttausend. Deutschland hat jetzt die letzte Chance, noch einmal viele junge Leute auszubilden, danach brechen die Geburtenzahlen ein. Von vielen Ländern wird diese Chance kaum genutzt. Eigentlich hatten sie sich mit dem Hochschulpakt verpflichtet, Tausende neuer Studienplätze zu schaffen – der Bund gibt die Hälfte der Mittel. Doch NRW, Baden-Württemberg, Hessen, Niedersachsen und Bayern sind in Verzug.

Warum? Das Wissenschaftssystem belohnt die Länder für Investitionen in die Forschung, nicht aber für die Ausbildung der jungen Generation. Wer teure Forscher und Labore einkauft, kann mit zusätzlichen Mitteln aus öffentlichen Kassen rechnen. Wer Studienplätze schafft, geht leer aus.

Bayern und Baden-Württemberg haben sich daran orientiert – im Elitewettbewerb der Universitäten wurden sie reich belohnt. Unterdessen bildet Berlin Tausende ihrer Landeskinder an seinen Unis aus – auf eigene Kosten und jenseits seines eigenen Bedarfs. Das ist weder gerecht noch hilft es den vielen Studierwilligen, die vor verschlossenen Türen stehen – über die Hälfte aller Studiengänge ist bundesweit mit einem NC belegt.

Studierende dürfen nicht als finanzielle Last betrachtet werden. Wer Studienplätze aufbaut, muss gewinnen. Das Konzept dafür hat Berlins Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner längst auf den Tisch gelegt: „Geld folgt den Studierenden“, lautet die Formel. Jedes Bundesland übernimmt die Studienkosten für seine Landeskinder, egal, wo sie studieren wollen. Gerade haben sich die Wirtschaftsverbände für einen solchen Wettbewerb um Studierende ausgesprochen. Bayern und Baden-Württemberg sollten sich gegen eine saubere Abrechnung nicht länger sperren.

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