Meinung : Höher als unsere Vernunft

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Von Heiner Geissler

WO IST GOTT?

Die Frage „Wo ist Gott?" beantworten Christen und Muslime aus ihrem Glauben heraus. Andere wollen eher wissen, „wo bleibt Gott?" – angesichts von Massenmord, Folter und der Zerstörung von Zehntausenden von Arbeitsplätzen als Folge kapitalistischer Gier nach Geld. Aber bei kurzem Nachdenken kann man leicht erkennen: Nicht Gott hat sechs Millionen Juden vergast, sondern Menschen, nicht Gott hat Zehntausend Muslime in Srebrenica ermordet, sondern Menschen. Die Versuchung, Gott für alles Elend und Übel auf der Welt verantwortlich zu machen, beruht auf einem Denkfehler. Man nimmt menschliche Eigenschaften und Fähigkeiten und verabsolutiert sie im Zusammenhang mit Gott: aus wissend wird allwissend, aus mächtig allmächtig. Im Grunde genommen macht man aus Gott einen überdimensionierten Menschen. Aber dann handelt es sich eben nicht um Gott.

Das 4. Laterankonzil hatte im Jahre 1215 etwas ganz Richtiges gesagt: Alle Aussagen über Gott seien ihm unähnlicher als ähnlich. Gott ist, wie alle großen Denker der Welt übereinstimmend gesagt haben, der ganz andere. Ihn mit menschlichen Maßstäben zu messen oder mit den Mitteln der Sprache zu definieren, erweist sich deshalb als unmöglich. Allerdings kann man Gott zwar nicht beweisen wie den Satz des Pythagoras. Aber die Naturwissenschaften widersprechen der möglichen Existenz Gottes nicht. Und warum sollen eigentlich Despoten, Verbrecher, ganze Nationen, die Manager von Großkonzernen nicht gegen die Menschenwürde und die Menschenrechte handeln dürfen, wenn das in ihrem Interesse ist, wenn es nicht eine übergeordnete Instanz gibt, die so etwas verbietet? Man kann auch etwas grundsätzlicher sagen: Die Unbedingtheit eines ethischen Anspruchs lässt sich nur von einem Unbedingten her begründen, von einem Absoluten – etwas, was nicht der Mensch als einzelner oder die menschliche Gemeinschaft sein kann, sondern eben, so würden wir es nennen – Gott.

Außerdem: Nicht alles kann man mit der Vernunft erfassen und nicht alles, was wir mit der Vernunft erfassen können, ist für unser Leben wichtig. Für die ganze Welt sind wir irgend jemand, aber für irgend jemand sind wir die ganze Welt. Ob dieser Satz in unserer Existenz stimmt, treibt uns mehr um als die Gesetze der Schwerkraft.

Fazit: Da die Existenz Gottes der Vernunft nicht widerspricht, die Vernunft aber nicht alles erfasst, was existiert, bleibt Raum für die Religion und für den Glauben an Gott. Wo wir Gott finden, muss jeder selber entscheiden: In der kosmischen Singularität vor dem Urknall, in der Liebe der Menschen, in der Überwindung des Bösen, in der Musik von Bach, Mozart und Beethoven oder zum Beispiel in dem Menschen Jesus, dessen Botschaft so einzigartig ist, dass man sie als göttlich bezeichnen kann. Bis dahin kann ich alles mit der Vernunft begründen und erfassen. Der Schritt darüber hinaus führt zum Glauben, zur Religion.

Der Autor war Schüler im Jesuiten-Kolleg St. Blasien und hat Philosophie bei den Jesuiten in München studiert. Er war CDU-Generalsekretär, Bundesvorstandsmitglied der Sozialausschüsse und Bundesfamilienminister.

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