Meinung : Höher, schneller, nicht weiter

Zensur, Doping, Inszenierung: Die olympische Idee wirkt verblasst. Doch die Spiele leben auch von – Geschichten

Friedhard Teuffel

Die vorolympischen Wettkämpfe sahen diesmal so aus: Freistilringen um die erlaubten Formen des politischen Protests. Boxkämpfe zwischen Demonstranten und einer rabiaten Eskorte der olympischen Flamme. Extrembergsteigen mit Fackel bis auf den Mount Everest. Orientierungslauf durch Pekinger Smog. Wie soll das nur erst bei Olympia selbst werden?

Der Sportsommer 2008 droht in zwei Teile zu zerbrechen. Erst die leichte Europameisterschaft der Fußballer mit Fähnchen, Fanmeile und Freude. Und jetzt Olympia in Peking mit Propaganda, Protest und Polizei. Was bedeuten Olympische Spiele da eigentlich noch? Was sind sie überhaupt noch wert?

Das Fundament der Spiele schien bislang äußerst stabil zu sein. Stärke verlieh ihnen schon der olympische Kult. Das Feuer, der geschworene Eid, die wehenden Fahnen, sie heben die Spiele ab von gewöhnlichen Weltmeisterschaften. Und sie geben den Athleten, aber vor allem den Zuschauern das Gefühl, dass hier etwas Überzeitliches passiert. Etwas mit Direktanschluss an die Antike. Etwas, von dem sich noch Generationen später erzählen werden.

Doch das IOC, das Internationale Olympische Komitee, hat sich die Symbolik von den Chinesen aus der Hand reißen lassen. Den Fackellauf haben die Chinesen als weltumspannende Propagandaveranstaltung inszeniert. Er sollte der Welt zeigen, dass für China kein Weg zu weit ist und keine Herausforderung zu groß. Der Sinn des Fackellaufs ist jedoch ein anderer: die Olympischen Spiele anzukündigen. Also warum die Fackel auf den Mount Everest tragen? Um den Yeti zum Wettbewerb der Gewichtheber einzuladen?

Das IOC erwägt, solche pompösen Fackelläufe künftig nicht mehr zuzulassen. Vielleicht hätte es sich das früher überlegen müssen. Wer weiß, ob der Fackellauf beim nächsten Mal überhaupt noch ernst genommen wird, ob er nicht längst abgerutscht ist in die Liga der Ritterspiele.

Das IOC wird in den nächsten drei Wochen sogar darum kämpfen müssen, dass es nicht die Hoheit über die ganzen Spiele verliert. Dass Olympia nicht zu chinesischen Spielen wird. Die Chinesen halten sich nicht an Abmachungen, die Zensur regiert, überall lauert ihr Kontrollwahn. Und was bleibt von Olympia, wenn jeder Ausrichter damit umspringen kann wie er will?

Die Spiele an sich schienen vor kurzem noch mächtig zu sein. Um sie zu bekommen, verneigten sich selbst die Großmächte vor dem IOC. Wenn sie dann den Zuschlag hatten, interpretierten sie die Spiele allenfalls in ihrem Sinne. China macht es anders: Es vereinnahmt die Spiele. Einmal den Zuschlag in der Hand, ist das IOC nur noch Gast der eigenen Veranstaltung. Wegnehmen wird ihnen das IOC die Spiele schon nicht. Denn ein Boykott oder wenigstens eine Verschiebung der Spiele würde das IOC den Athleten nicht antun.

Es war der Fehler des IOC, den Chinesen nicht von Anfang an ihre Grenzen aufgezeigt zu haben.

Was die Chinesen mit diesen Spielen wollen, ist klar. Aber was wollen die Spiele in China? 1,3 Milliarden Menschen olympische Werte vermitteln? Oder doch tatsächlich mehr Freiheiten für die Bürger erwirken? Dazu passt nun gar nicht, dass es in unmittelbarem Zusammenhang mit den Spielen Verletzungen der Menschenrechte gegeben hat, Verhaftungen, Umsiedlungen, Zensur.

Es klingt auch merkwürdig, wenn Thomas Bach, der Vizepräsident des IOC, alle bisher durchdiskutierten Formen des Protests vom Armbändchen bis zum Tragen tibetischer Farben als wirkungslose Symbolpolitik abtut. Ohne Symbole wäre Olympia nie zu dem geworden, was es ist.

Zum olympischen Kult gehört auch die Metapher vom Fest der Jugend der Welt. Bis heute lassen sich Sportler von der Atmosphäre der Spiele anstecken, denen man es eigentlich nie zugetraut hätte. Tennisspieler Nicolas Kiefer, bisweilen etwas schnöselig in seinem Auftritt, schwärmt noch heute von seinen Besuchen in der Mensa des olympischen Dorfs. Dirk Nowitzki, im amerikanischen Profi-Basketball zu Hause, sagt, er erfülle sich mit seiner Olympiateilnahme einen Lebenstraum.

Das olympische Dorf mag in der Tat das erste Global Village gewesen sein. Und die Spiele bringen nun auch nach Peking ein bisschen Globalisierung. Das Exklusive haben die Spiele jedoch verloren. Was ist noch besonders daran, dass alle zusammenwohnen, wenn jedes Berliner Backpackerhotel fast so viele Nationen beherbergt wie das olympische Dorf? Der Traum von einer Welt wird auch beim Weltjugendtag gelebt.

Aber es gibt noch etwas Einmaliges, das selbst die Chinesen dem IOC nicht wegnehmen können: die olympische Geschichte, diese Fortsetzungsgeschichte, diese Sammlung von Epen mit glücklichem und tragischem Ausgang. Zu jeder Rahmenhandlung fallen einem Namen ein. Der übermächtige Superstar gewinnt und gewinnt und gewinnt: so war es beim Schwimmer Mark Spitz. Der vermeintliche Superstar verbündet sich mit bösen Mächten und wird am Ende bestraft: So erging es dem gedopten Ben Johnson. Ein Athlet siegt als Botschafter für sein eigenes, unterdrücktes Volk: so wie Cathy Freeman in Sydney auch für die Aborigines zu Gold lief. Nicht zu vergessen: die Geschichten der Namenlosen, des Schwimmers aus Äquatorialguinea etwa, der für 100 Meter im Wasser eine Minute länger brauchte, begleitet von den bangen Blicken, ob er nicht einen Rettungsring benötigt. Am Ende war auch er ein Held.

Eigentlich sind diese Geschichten alle erzählt. Aber man will sie trotzdem immer wieder aufs Neue erleben. Diese Geschichten sind ein Schatz. Sie sind Olympia.

Auch in Peking bahnen sich wieder solche Geschichten an. Da kämpfen zwei deutsche Degenfechterinnen, die für zwei völlig verschiedene Sichtweisen auf China stehen. Die eine, Britta Heidemann, verteidigt China wegen der ökonomischen Fortschritte, die andere, Imke Duplitzer, beschwert sich über Verletzungen der Grundrechte. Da kehrt eine Badmintonspielerin bei Olympia zurück in ihre Heimat. Xu Huaiwen hat es in China nicht in den Olympiakader geschafft, jetzt startet sie für Deutschland und hat sogar die Chance auf eine Medaille. Da rennt einer für ein ganzes Volk, denn in Liu Xiangs Beinen steckt die Erwartung der Chinesen, endlich vollwertiges und stolzes Mitglied der Weltleistungsgesellschaft zu werden. Und es wird vor allem Geschichten geben, von denen jetzt noch keiner etwas ahnt.

Eingerahmt wird das alles vom Medaillenspiegel, in dem ein bisschen Patriotismus steckt, ein bisschen Nationalismus, aber vor allem viel Folklore. Die Begeisterung für einen olympischen Moment hängt jedenfalls nicht immer davon ab, ob der gefeierte oder gescheiterte Athlet aus dem eigenen Land kommt.

Sportlich hören die Spiele auf das Motto höher, schneller, weiter. Doch kaum hat ein Läufer in Rekordzeit die Ziellinie überquert, fällt der Startschuss für die Dopingdebatte. Hat auch er vielleicht? Gleichzeitig erwartet das Publikum Rekorde, es ist enttäuscht, wenn der Sieger im 100-Meter-Lauf länger als zehn Sekunden braucht. So liest sich das olympische Motto fast als Aufforderung zur Leistungsmanipulation.

Das Dopingproblem wuchert mittlerweile als Geschwür im Innersten der Spiele, nicht mehr irgendwo am Rand. In Athen vor vier Jahren ist es zum ersten Mal bei Olympia so deutlich wie ekelhaft hervorgequollen. Als Athleten fremden Urin abgaben, den sie sich mit Schläuchen in ihre Körperöffnungen eingeführt hatten. Das Publikum muss nun entscheiden, wie es damit umgeht. Fühlt es sich betrogen um einen fairen Wettkampf und fordert für die Bösewichte gar Gefängnis? Oder ist es ihm egal, solange es nicht selbst mit ansehen muss, wie sich der Athlet die Spritze setzt? Der Sportler ist schließlich nur einer besonders großen Versuchung erlegen. Das ist menschlich, was soll’s. Hauptsache, die Show stimmt.

Das Gesicht des Dopings ist jedenfalls manchmal weit weniger hässlich als angenommen. Wolfgang Maennig, Olympiasieger mit dem Deutschland-Achter von 1988, hat erst vor einer Woche erklärt, er könne nicht für sich die Hand ins Feuer legen, dass er nicht damals auch gedopt hätte, wenn es ihm günstig angeboten worden wäre. Doping als soziale Aufstiegsdroge der Blöden und Schwachen? Maennig ist heute Professor an der Universität Hamburg.

Es gibt jedoch für den Sport keine Alternative dazu, Doping einzuschränken, wo es nur möglich ist. Nicht unbedingt, weil es um die reine Gesundheit der Athleten geht. Denn schon mit der Entscheidung für den Leistungssport setzte sie ihre Gesundheit aufs Spiel. Sondern um das Modell des Sports zu verteidigen, sich nach einem verbindlichen Regelwerk miteinander zu messen. Und noch etwas: Wenn der Eindruck entsteht, eine bestimmte Mindestmenge Epo im Blut sei die Startvoraussetzung für die Olympischen Spiele, hat sich der Sport selbst erledigt.

Denn noch immer lebt der Spitzensport davon, dass er die Erfüllung eines Traums anbietet. Dafür muss er jedoch durchlässig bleiben, die Möglichkeit eröffnen, es auch mit natürlichen Mitteln bis nach ganz oben zu schaffen.

Selbst das IOC hat eingesehen, dass es mit seinem Höher und Schneller nicht weiterkommt. Vizepräsident Bach redet nun gegen die Rekordsucht an. Das Wesen des Sports sei der Wettbewerb selbst. Den will das IOC pflegen.

Das könnte der Versuch sein, sich das Publikum zu erziehen. Noch ist das Publikum treu. Es weiß, dass es im Unterhaltungsgeschäft kaum eine Alternative zum Sport gibt. Bei einer Castingshow wie „Deutschland sucht den Superstar“ plappert eine bunte Jury mit, es gibt eine gebührenpflichtige Abstimmungshotline, und am Ende kommt der Sieger aus einem Briefumschlag. Der Sport dagegen zeigt alles. Ein Lauf lässt sich vom Startschuss mit allen Überholmanövern bis ins Ziel verfolgen.

So spannend der Sport auch ist – auch hier markieren die Olympischen Spiele in Peking einen kritischen Punkt. Was die Chinesen unter Sport verstehen, das ist schließlich weit davon entfernt, was er den Europäern bedeutet.

Chinesischer Sport ist Staatssport, er funktioniert von oben nach unten. Athleten werden von einer Sportart zur anderen delegiert. Es zählt allein die Leistung, nicht der Athlet. Diejenigen, die auf der Strecke bleiben, leiden oft über ihre Karriere hinaus unter den Qualen des Trainings.

In manchem unterscheidet sich China dabei gar nicht von anderen Ländern, und vielleicht tut man China nicht nur in diesem Punkt Unrecht. Was bleibt den Chinesen übrig, sie haben keine Freizeitgesellschaft, aus deren Mitte heraus Sport wachsen kann, und es ist nicht schlecht, wenn jungen Menschen der soziale Aufstieg durch Sport gelingt. Aber als Gastgeber vereinigt China nun einmal alle Vorurteile auf sich, und bislang versteckt China sich lieber hinter Masken, als die Welt vom Gegenteil der Vorwürfe zu überzeugen.

Es wäre auf jeden Fall fatal, wenn von diesen Spielen die Botschaft ausginge, dass dies das sportliche Modell der Zukunft ist: seine Kindheit dem Sport zu opfern in einer Sportschule, sich schinden und drillen zu lassen, sich unterzuordnen. Wenn das Siegerlächeln ausstirbt, weil lauter freudlose Gesichter auf dem Podest stehen, Olympia nur Planerfüllung ist. Und wenn sich Chinas Sport bei näherer Betrachtung flächendeckend als Sweatshop herausstellen sollte, in dem junge Menschen rechtlos Leistung produzieren müssen.

Der olympische Sport muss sich stärker von der Ökonomie absetzen. Das wird gerade am wirtschaftlichen Aufsteiger China deutlich mit seinem sozialen Gefälle und seinen ausgenutzten Wanderarbeitern. Er muss sich unabhängiger machen von politischen Einflüssen und darüber klar werden, wie weit er eigentlich in Gesellschaften hineinragen will. Die Debatte um die Menschenrechte ist dafür ein guter Anlass.

Vor allem muss Olympia wieder zu spielen beginnen. Indem es sich lockert und von Inszenierungen löst. So kann es seinen Charme entfalten, zeigen, wie viel Leben, wie viel Kultur in den Spielen steckt. Es ist ein schönes Ritual, alle vier Jahre Gewichthebern beim Ausatmen ins Gesicht zu sehen, bevor sie die Hantel emporstemmen, sich Dressurreiten anzuschauen und dabei mit Begriffen zu jonglieren wie Traversalverschiebung oder Piaffe.

Die Vielfalt und Fairness des Sports zu feiern – das ist für Olympia immer noch ein lohnendes Wettkampfziel.

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