Meinung : Hörst du seinen Ruf?

Johannes Paul II. hat Grenzen überschritten – und das ist ein zentraler Aspekt der christlichen Tradition

P. Klaus Mertes SJ

Am Anfang steht die Grenzüberschreitung. Abraham verlässt das fruchtbare Heimatland und geht in die Wüste, in die ungesicherte Existenz. Die Propheten brechen durch ihr Wort den gesellschaftlichen Konsens darüber auf, dass eigentlich alles in Ordnung sei. Jesus überwindet die Grenze zwischen Gerechten und Sündern, indem er als Gerechter die Sünder zu sich einlädt. Auch die Gründung des Christentums im heutigen Sinne geht auf eine Grenzüberscheitung zurück, die Grenze zwischen Juden und Nicht-Juden („Heiden“). Das Pontifikat von Johannes Paul II. hat einmal mehr gezeigt, dass die Geschichte der Grenzüberschreiter mit der Geschichte der Urkirche nicht zu Ende ist.

Grenzüberschreiter haben eine starke Rückwirkung auf die Gesellschaften und Kulturen, aus denen sie stammen. „Gotteslästerer“, „Nestbeschmutzer“, „Spinner“, „Gesetzesbrecher“, „Fresser und Säufer“ – das alles sind Worte, die wörtlich oder der Sache nach im Evangelium nachzulesen sind. Sie wurden auf Jesus und später auf Paulus (auch innerhalb der werdenden Kirche) und auf die Apostel gemünzt. Wenn einer aus den eigenen Reihen Grenzen überschreitet, tut das weh. Fragen stellen sich, blinde Flecken werden sichtbar, Selbstbilder geraten ins Wanken. Nach vorne hin bringen Grenzüberschreitungen aber auch große Freude, denn sie nehmen diejenigen mit hinein, die bisher jenseits der Grenze leben mussten und nicht hinzugehören durften.

Nun kann man aus den scharfen Reaktionen auf die großen, religiös motivierten Grenzüberschreiter nicht schließen, dass jeder, der scharfe Reaktionen hervorruft, schon ein Heiliger ist. Es gibt Grenzen, deren Überschreitung im biblischen Verständnis Sünde ist. Es bedarf also einer Unterscheidung.

In der Urkirche brach der Identitätskonflikt anlässlich der Grenzüberschreitung jüdischer Jesusanhänger aus, als sie sich von Römern und Griechen zu Tisch einladen ließen. Das taten sie – wie es in der Apostelgeschichte heißt –, inspiriert durch den „Heiligen Geist“, also mit Berufung auf göttlichen Willen. Doch damit ließen die Grenzüberschreiter auch etwas hinter sich zurück. Insbesondere die Zurückgelassenen erlebten den Schritt über die Grenze als Abwertung. „Du verletzt mich mit diesem Schritt“, könnte der Herrenbruder Jakobus sinngemäß zu Paulus gesagt haben, „du wertest die Tora ab, du behauptest mit diesem Schritt, dass wir alle falsch gelebt haben oder falsch leben, wenn wir der Tora treu bleiben“. Wie wir aus dem Bericht im Galaterbrief des Paulus wissen, hatte dieser Vorwurf große Kraft; er brachte Petrus zeitweise dazu, seinen eigenen Schritt zu den Heiden wieder halb rückgängig zu machen.

Konflikte, die aus Grenzüberschreitungen resultieren, lassen sich nach zwei Seiten hin auflösen: Entweder durch Bruch mit dem Grenzüberschreiter im Namen der Tradition oder durch Bruch mit der Tradition im Namen einer charismatisch legitimierten Grenzüberschreitung. Keinen von diesen beiden Wegen wählte die Urkirche. Sie ging den Weg der Verbindung von beiden Polen: Die Mahlgemeinschaft mit den Heiden stellte für sie keine Abwertung der Tradition dar, sondern galt den ersten Christen als eine Fortschreibung des Geistes der Tradition in neuer Zeit.

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An dieser Stelle trat und tritt die religiöse Autorität auf den Plan, die „Institution“, die sich nach katholischer Auffassung im Bischofsamt, und – bei aller geschichtlichen Wandlung im Einzelnen – in besonderer Weise im Primat des Bischofs von Rom erhalten hat. Von Paulus wissen wir, dass ihn seine charismatische Gewissheit nicht davon abhielt, alles daran zu setzen, die Zustimmung der „Säulen“ in Jerusalem für seine Sendung zu den Heiden zu finden. Diesen wurde offensichtlich eine legitimatorische Autorität zugesprochen. Den Amtsträgern kommt die Aufgabe zu, religiöse Erfahrungen Einzelner zu legitimieren und damit zum Bestandteil der Gesamttradition zu machen. Natürlich kann die kirchliche Autorität diese Legitimation auch verweigern. Wäre das im Falle des Paulus geschehen, hätte die Geschichte des Christentums, um es vorsichtig auszudrücken, einen anderen Verlauf genommen.

Die theologischen und religionsgeschichtlichen Konsequenzen dieses Zusammenspiels zwischen charismastischer Einzelperson und Amt/Institution in der Anfangszeit des Christentums sind immens. Der Zugang zum „Wort Gottes“ läuft keineswegs nur über den schriftlich fixierten Text. Vielmehr sind die neutestamentlichen Schriften ebenso wie die alttestamentlichen Ergebnisse eines Prozesses, an dessen Ende ihre Legitimation als kanonische Schrift steht. Dieser Vorgang setzt aber eine Legitimationsinstanz voraus, die ihrerseits aus Menschen aus Fleisch und Blut besteht. Das Amt öffnet also die Religion für die Geschichte. Christus, der auferstandene Herr, versinkt mit den Jahren nicht in der Geschichte oder bleibt nur gegenwärtig in einem Text, sondern ist in Fleisch und Blut, das heißt in Menschen gegenwärtig. Ihn darin zu entdecken und immer neu zu benennen ist die bleibende Aufgabe der Kirche und darin insbesondere des Amtes. Gerade das Pontifikat von Johannes Paul II. war eines, das diesen Aspekt des Amtes sehr deutlich gemacht hat. Man braucht nur auf die riesige Zahl von Selig- und Heiligsprechungen zu blicken.

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Ein besonders großes Lob über das Wirken von Johannes Paul II. kommt von denen, die nicht dazugehören, von den Nicht-Christen. Das ist ein klarer Hinweis auf den grenzüberschreitenden Charakter dieses Pontifikates. „Ein Papst nicht nur für die Kirche, sondern für die ganze Welt“, sagen viele Nicht-Christen in diesen Tagen. Unvergessen ist in den jüdischen Reaktionen die mehrfache Vergebungsbitte des Papstes gegenüber den Juden, den „älteren Brüdern“ im Glauben, sowie die Besuche in den Synagogen; bei den Moslems Besuch und Gebet in der Moschee – auch dieses eine weltgeschichtliche Premiere –, sowie der Kuss auf den Koran; die Einladung der Vertreter aller Weltreligionen zum interreligiösen Gebet für den Frieden nach Assisi. Für die Nicht-Christen sind die Schritte des Papstes über bisher nicht überschrittene Grenzen mehr als nur unverbindliche Gesten. Vieles von ihrer Begeisterung lässt an die biblische Freude denken, welche die „Heiden“ seinerzeit empfanden, als sie teilnehmen konnten an dem im Herzen Israels gewachsenen Evangelium.

Ähnliches gilt auch für die Nicht-Europäer, die in der Kapitalismuskritik des Papstes mithören durften, dass er sie wahrnimmt und sich nicht als Schengen-Europäer versteht. Die vergessenen, unterdrückten Völker jenseits des eisernen Vorhangs rückten durch die Wahl eines polnischen Papstes in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Auch der alte Konflikt zwischen Ost- und Westkirche trieb diesen Papst zu grenzüberschreitenden Begegnungen mit der Orthodoxie. Schließlich überwandte Johannes Paul II. auch Grenzen nach innen, zum Beispiel die zu seinen Ratgebern, sofern diese ihm empfahlen, im Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und Irak eher eine neutrale Position einzunehmen. Das war nicht das einzige Mal, dass sich Johannes Paul II. gegen interne Bedenken durchsetzte.

Es gibt auch Grenzen, die dieser Papst nicht überschritten hat, genauso wenig wie etwa Paulus seinerzeit alle Grenzen überschritt. So blieb das Signal an die Kirchen der Reformation ambivalent. Neben weitgehenden Formulierungen in der großen Enzyklika „ut unum sint“, die interessanterweise wieder stark charismatisch, aus der persönlichen Erfahrung und Kenntnis des gemeinsamen Martyriums im 20. Jahrhundert geprägt sind, stehen Formulierungen, die von protestantischer Seite als brüsk empfunden wurden. Viele Frauen haben kein Gehör gefunden mit dem, was sie zu ihrer Rolle in Kirche und Gesellschaft und dem ihnen aus Rom entgegenkommenden Frauenbild zu sagen haben. Homosexuelle Menschen werden mit den entsprechenden Passagen im Katechismus der Weltkirche nicht leicht für die Kirche zu gewinnen sein.

Grenzüberschreitungen fallen in der Regel nicht aus heiterem Himmel. Ihnen geht ein Ruf voraus, eine Begegnung, eine Einladung. Petrus wurde von dem römischen Hauptmann Cornelius zum Essen eingeladen; seine Ängste vor unreinen Speisen überwand er vorher in einer Vision und im Gebet. Später konnte er dann in der Einladung des römischen Hauptmannes das Wirken Gottes erkennen: Gott hatte die Einladung bewirkt. Auch die Grenzüberschreitungen von Johannes Paul II. fielen nicht vom Himmel.

Die Schrecken der Weltkriege, die Exzesse des Antisemitismus im 20. Jahrhundert, die Entwürdigung des Menschen durch Instrumentalisierung für Zwecke aller Art, die Folgen einer von ethischen Grenzen abgekoppelten Wissenschaft, aber auch die faktisch größer gewordene Einheit der Menschheit durch die Globalisierung, die Allgegenwart der Medien, die Beschleunigungsprozesse der Moderne – das wurden für Johannes Paul II. aus religiöser Perspektive Einladungen zu Grenzüberschreitungen. Genau dies machte den charismatischen Aspekt seiner Amtsführung aus, schließlich auch unter Einbeziehung seines persönlichen Lebensschicksals als Opfer eines Mordversuchs und dann als kranker, sterbender Mann. Damit stellt er alle Christen und alle, die es für sich zulassen wollen, vor die Frage, wie sie es selbst mit der religiösen Deutung von weltlichen Ereignissen halten: Ist Gott auch für dich wirklich in der Gegenwart da? Hörst du seinen Ruf?

Das Papst-Requiem in Rom hat noch einmal die Frucht dieses Pontifikates auf überwältigende Weise deutlich gemacht: Die Völker und Fürsten, die Jungen und Alten der Welt pilgerten in die Heilige Stadt Rom. Johannes Paul II. war wohl ein „papa magnus“. Doch damit ist das Ende der Geschichte nicht erreicht. Aus vielen Andeutungen und Äußerungen zeichnen sich Linien für die Zukunft ab. Drei seien hier genannt.

Erstens muss es nicht immer so sein, dass ein Paulus auf dem Stuhl des Petrus sitzt. Es ist gerade das „petrinische“ des Amtes, das Institutionelle, das zu verschwinden droht, wenn es „paulinisch“, also charismatisch, besetzt ist. Das Amt ist unverzichtbar, um die charismatischen Gaben der vielen in die Gesamtkirche zu integrieren – und das tut das Amt nicht auf Grund der persönlichen Ausstrahlung des Amtsinhabers, sonders weil es seines Amtes ist.

Zweitens ist der Versuch in diesem Pontifikat, die Diskussion um die Zulassung der Frau zu den Weihen durch ein Machtwort zu beenden, wohl nicht gelungen. Die Diskussion ist weitergegangen, wenn nicht offen, so doch unter der Decke. Sie wird sich wieder lüften, denn die Kirche kann es sich nicht leisten, den ganzen hinter dieser Frage stehenden Themenkomplex aus dem theologischen Denken und Sprechen in der Kirche herauszuhalten.

Schließlich deutet sich nach dem Zentralisierungsprozess in der katholischen Kirche, wie er durch das persönliche Charisma und die globale Medienpräsenz von Johannes Paul II. gefördert wurde, ein neues Überdenken der kirchlichen Strukturen an, besonders in Hinblick auf die Stellung und auch die theologische Würde der Ortskirchen und der subsidiären Gremien. Zu fehleranfällig ist die Leitung der katholischen Weltkirche, wenn sie die Vermittlungsinstanzen zwischen dem Zentrum und den einzelnen Gläubigen so sehr schwächt, wie es gelegentlich in diesem Pontifikat geschehen ist. Manche Personalentscheidungen aus spontanem Impuls heraus haben dieses Problem erkennbar auf den Punkt gebracht; sie entpuppten sich als Fehlentscheidungen, die vorhersehbar gewesen wären, wenn man auf die Stimmen in der Ortskirche gehört hätte.

Es bleibt also spannend.

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