Meinung : Hört auf mit dem Retro-Kitsch

Von Pascale Hugues, Le Point

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Die Säule des BastilleViertels hat keinen einzigen Kratzer abbekommen. Auf ihrer Spitze thront noch immer der Geist der Freiheit über den Dächern von Paris. Auf dem Bild des Berliner Fotografen Willi Römer, der 1910 in Paris unterwegs war, lässt sich die weiche Biegung der Rue du Faubourg Saint-Antoine ausmachen. Die hohen, schmalen Gebäude, die Balkone, die Eisengitter – alles ist heute noch da. Paris hat sich kaum verändert. Die angesagten Nachtbars und die Designerläden, die heute die Straße dominieren – nachdem 1989 die Oper gebaut wurde, hat sich das Bastille-Viertel zum Trendbezirk gewandelt – sind diskrete Applikationen auf einem ansonsten intakten Bühnenbild. Die Gegenwart und die Vergangenheit: zwei Schichten, die sich bruchlos überlagern.

Willi Römer hat auch das Berlin der Weimarer Republik verewigt. Eine Stadt, die heute kaum wiederzuerkennen ist. Wer würde in dieser betriebsamen Kreuzung voller Autos, Trams und Pferdekutschen – aufgenommen 1929 vom Turm der Verkehrsampel – den Potsdamer Platz erkennen, der sich heute in eine Mega-Fußgängerzone ohne Charme verwandelt hat? Und wer würde dieses Gittermuster aus kleinen Straßen, Geschäften und eleganten Fassaden mit jener unterkühlten Nacktheit in Verbindung bringen, die heute das windgepeitschte Betonareal des Alexanderplatzes auszeichnet? Wo sind sie hin, die Bürgersteige, auf denen Kinder, die heute auf Spielplätzen geparkt werden, Karten und Himmel-und-Hölle spielten?

Hitler entschied, Paris nicht zu zerstören. Berlin dagegen war die am verheerendsten bombardierte Stadt Europas, auf einen Berliner kamen 26 Kubikmeter Trümmer. Und was die Bomben nicht weggefegt hatten, das nahmen sich die Städteplaner der 50er Jahre vor, indem sie den Stuck von den Fassaden schlugen, die Straßenführung neu erfanden, das Stadtschloss und den Sportpalast abrissen, obwohl man sie hätte restaurieren können. Deutschland brauchte saubere und glatte Städte. Das Land wollte so schnell wie möglich seine urbanen Wunden verstecken, seine Katastrophe vergessen. Ohne diese kostbaren Bilder eines jungen Berliner Fotografen, bewaffnet mit einem Riesenapparat und Glasplatten, wäre es heute unmöglich, sich eine Vorstellung vom Berlin der 20er Jahre zu machen. Diese Bilder, die nun zum ersten Mal vom Deutschen Historischen Museum gezeigt werden, sind die letzten Zeugen einer Stadt, die verschwunden ist, fast ohne Spuren zu hinterlassen.

Es wundert mich, dass die Nostalgie für dieses Goldene Berliner Zeitalter noch immer so unersättlich ist. Da wird uns heute Cabaret wieder vorgesetzt. Die Lieder der Comedian Harmonists sind bereits in allen Fahrstühlen und Hotelbars durchgenudelt wurden, so dass man sie heute kaum noch hören kann, ohne dass einem schlecht wird. Das Hotel Adlon wurde pseudorekonstruiert, und wir warten gespannt auf das wiedererbaute Stadtschloss. Wie viele Retrobars gibt es in der neuen Hauptstadt? Wie viele falsche Risse zieren die Wände von Art-Deco-Restaurants? Wie viele Hüte und Federn sieht man auf den Zwanziger-Jahre-Partys des Berliner Nachtlebens? Wie viele verzweifelte und verkitschte Versuche gibt es, dieser zerstörten Stadt ihre frühere Seele zurückzugeben? Seit die Mauer gefallen ist und Berlin krampfhaft versucht, sich die Identität einer Hauptstadt zuzulegen, ist diese kurze Epoche der Sittenfreiheit, der Leichtigkeit und extremen Modernität zur obsessiv zitierten Referenz geworden.

Aber braucht das neue Berlin wirklich die 20er Jahre? So viele Ausländer haben sich in den letzten Jahren hier niedergelassen, so viele junge Leute. Und es ist weder Sally noch Veronikas Lenz, was sie hier suchen. Und schon gar nicht ein Walt-Disney-Prinzenschloss. Was an Berlin fasziniert, ist genau das, was Paris fehlt: Löcher, unbebaute Flächen, Bruchstellen. Noch ist Berlin eine offene Stadt, in der alles gerade erst anfängt. Eine faszinierend neue Stadt. Also überlassen wir die wilden Zwanziger doch endlich dem Einzigen, der sie wiederzubeleben weiß: einem mutigen und viel zu lange verkannten Fotografen.

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