Meinung : Hoffnung mit beschränkter Haftung

Im Nahen Osten haben die Menschen auf beiden Seiten die Gewalt satt

Christoph von Marschall

Das Wort drängt sich auf. Obwohl man sich kaum noch traut, es im Nahen Osten auszusprechen: Hoffnung. Viel zu oft schon sind Erwartungen bitter enttäuscht worden. Doch jetzt hält die Waffenruhe bereits über einen Monat – nach mehr als zwei Jahren Intifada, Selbstmordattentaten und Vergeltungsschlägen mit Hunderten Toten.

George W. Bush hat erstmals einen palästinensischen Führer im Weißen Haus empfangen: Premier Mahmud Abbas. So richtig zufrieden war der danach nicht, aber das ging Israels Ariel Scharon nicht anders, der kurz darauf zu Gast war. Beide konnten Bush nur begrenzt für ihre Sicht und ihre Forderungen gewinnen. Dennoch gehen sie weiter auf dem Weg der Annäherung, wenn auch mit Trippelschritten: Israel ordnet die Räumung sechs illegaler Siedlungsaußenposten an; die Palästinenser nehmen 20 mutmaßliche Extremisten fest, die sich in Arafats Hauptquartier in Ramallah versteckt hielten.

Was ist passiert, dass beide Seiten auf einmal Entgegenkommen zeigen, Enttäuschungen nicht mit Aggression beantworten und selbst die Radikalen still halten? Die gängigste Formel: Weil Amerika Druck ausübt. Der ist wichtig, erklärt aber nicht alles. Wann haben sich die Radikalen je solchem Druck gebeugt: Terrorgruppen wie Hamas oder Islamischer Dschihad bei den Palästinensern und in Israel der unnachgiebige Flügel des regierenden Likud, der nur auf Repression setzt?

Auch der Irakkrieg spielt eine Rolle. So problematisch er war und so unklar der Fortgang im Irak ist, die Friedenssuche im Nahen Osten hat er erleichtert. Syrien und andere Sponsoren des Terrors trauen sich nicht mehr, die Extremisten zu unterstützen. Und die Terrorgruppen nehmen die Warnung jetzt richtig ernst, dass sie in Ausbildungslagern und Schlupflöchern nicht mehr sicher sind.

Doch selbst beides zusammen, Amerikas Druck und die neue Lage, reicht nicht aus, um die Dynamik zu erklären, die sich da entfaltet. Da ist noch etwas, diffus zwar, und man ist versucht ungläubig den Kopf zu schütteln. Aber es scheint, als komme der größte Druck aus einer ungeahnten Quelle: von den einfachen Israelis und Palästinensern.

Bisher galten sie als ohnmächtig, zumal in den Palästinensergebieten, die ja keine demokratische Mitsprache kennen wie Israel. In den Jahren der Intifada haben Attentate und Gegenschläge den Volkszorn auf beiden Seiten befeuert; da hatten viele verständlicherweise Rachegefühle und unterstützten die Gewalt. Jetzt spüren sie Tag für Tag die Friedensdividende. Israelis müssen nicht mehr jederzeit und überall fürchten, dass Angehörige im Café oder im Bus von einer Bombe zerfetzt werden. Palästinenser leiden weniger unter Straßensperren und Ausgangsverboten und können darauf hoffen, wieder regelmäßig ihren Jobs in Israel nachzugehen, wovon oft ganze Familien leben.

Neu ist: Wer diesen Fortschritt durch Gewaltakte stört, kann nicht mehr auf Verständnis hoffen, sondern muss mit Missbilligung rechnen. Das spüren auch die Radikalen. Nur: Wie stark ist diese Dynamik und wie weit darf man sich auf sie verlassen? Noch ist das keine machtvolle Bewegung. Vor allem ist es keine, die aktiv agiert. Aber das Gefühl, dass die Annäherung Erleichterungen mit sich bringt, die die Menschen nicht wieder verlieren wollen, wächst mit jedem Tag.

Natürlich, die Risiken liegen auf der Hand. Arafats Al-Aqsa-Brigaden drohen, nach der Festnahme ihrer 20 Kollegen in Ramallah die Waffenruhe zu beenden. Ein besonders blutiger Anschlag kann die Stimmung in Israel kippen; und es gibt weiter solche Versuche, fünf bis acht jeden Tag, die vereitelt werden, sagt Israel. Unter den Palästinensern wird die Hoffnung nicht halten, wenn sie nicht durch weitere handfeste Verbesserungen gestärkt wird. Das Misstrauen bleibt groß. In Israel denken viele, dass die Terrorgruppen die Waffenruhe nur einhalten, damit sie sich reorganisieren können. Und um ungestört an den Kassam-Raketen zu arbeiten, die bald auch größere Städte erreichen sollen.

Viele Palästinenser erregen sich über den Zaun, den Israel baut. Der ist zwar keine Mauer, schon gar keine Berliner – weder mauert der Zaun die Israelis ein noch die Palästinenser, wie einst Ulbricht und Honecker die Ostdeutschen; dies ist tatsächlich ein Schutzwall, freilich kein antifaschistischer, sondern ein antiterroristischer. Aber dass der Zaun von der „grünen“ Linie in Palästinensergebiet hinein abweicht, um israelische Siedlungen einzuschließen, ist äußerst heikel.

So ist Hoffnung weiter ein großes, ein zu großes Wort für Palästina. Aber eine HmbH, eine Hoffnung mit beschränkter Haftung, auch die ist immerhin ein Fortschritt.

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