Meinung : Holland ist nebenan

Wer um moderate Muslime wirbt, bekämpft radikale Islamisten – und rabiate Islamhasser

Frank Jansen

Das Ärgernis ist nicht neu, doch in diesem Jahr wird es vor einer bedrohlichen Kulisse stärker wahrgenommen. Wenn am heutigen Sonnabend in Berlin rund eintausend Islamisten ihren Israelhass auf die Straße tragen, sind automatisch die schrecklichen Bilder aus den Niederlanden präsent. Und die Frage scheint unausweichlich, ob der Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh und die anschließende Kettenreaktion rassistischer Angriffe auf Moscheen bald auch ein Berliner Szenario sein könnten. Auch in dieser Stadt gibt es reichlich islamistische wie auch antiislamische Hasspotenziale.

Gerade am heutigen Tag sind sie zu besichtigen: Während in Berlin Muslim-Extremisten marschieren, um anlässlich des einst von Irans Revolutionsführer Chomeini ausgerufenen Al-Quds-Tages die „Befreiung“ Jerusalems von den Juden zu verlangen, werden nur 30 Autominuten entfernt im brandenburgischen Örtchen Halbe hunderte Neonazis ihrer „Helden“ der Nazi-Wehrmacht gedenken. Die Rechtsextremisten haben Aufwind. NPD und DVU haben ihre jüngsten Wahlerfolge auch mit rassistischer Panikmache erreicht. Es ist höchste Zeit, dass sich Demokraten gleich welcher Couleur aufrappeln und rabiaten Islamfeinden sowie Islamisten entgegentreten. Nicht nur mit Trillerpfeifen und „Raus“-Parolen, sondern mit nachhaltigem Engagement.

Berlin könnte und müsste angesichts der extremistischen Hasspotenziale der Ort sein, von dem ein starkes Signal ausgeht. Den Beginn eines Wandels in Mentalität und Bewusstsein kann ein symbolischer Akt markieren. Einen „Runden Tisch“ gegen Rechtsextremismus hat kürzlich Paul Spiegel vorgeschlagen, der Präsident des Zentralrats der Juden. Die Idee könnte für den Versuch taugen, endlich bei der schweigenden Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime einen Prozess des Nachdenkens anzustoßen. Über die Haltung zur Demokratie und zu deren Feinden, den Extremisten und Terroristen.

Es wäre fahrlässig, einfach abzuwarten, ob Muslime in Deutschland irgendwann ähnlich laut und deutlich wie ihre Glaubensbrüder und -schwestern in Frankreich auf die Straße gehen, um die Demokratie in Schutz zu nehmen. In Paris und anderen Städten demonstrierten Muslime ihre Empörung, nachdem Terroristen im Irak französische Journalisten als Geiseln genommen hatten und die Aufhebung des Kopftuchverbots an Frankreichs Schulen forderten. In Deutschland hingegen melden sich nur wenige Muslime gegen Islamismus und Terror zu Wort.

Da scheint es notwendig, dass prominente nichtmuslimische Demokraten auf islamischen Gemeinschaften jenseits des extremistischen Spektrums zugehen. Mit der Einladung zu einem größeren, nicht nur einmaligen Runden Tisch. An dem Klartext geredet wird. Über die von Muslimen wahrgenommenen Defizite der Demokratie wie über die Forderung der Mehrheitsgesellschaft nach klarem Bekenntnis zum Rechtsstaat.

Berlin wäre für ein solches, symbolträchtiges Treffen der ideale Ort. Warum sollten nicht Bundespräsident, Bundestagspräsident oder Bundeskanzler die Initiative ergreifen? Ihrer Einladung könnte sich kaum jemand entziehen. Es wäre ja schon viel erreicht, wenn sich da vor laufenden Kameras muslimische und jüdische Repräsentanten die Hand reichten. Und damit die Überlegenheit des zivilen Umgangs demonstrieren, trotz des bitteren Konflikts in Nahost.

Die Alternative zum Versuch eines Aufbruchs ist das Warten auf einen Schock, wie ihn die Niederlande jetzt erleben. Dort wurde die schleichende Entfremdung zwischen Teilen der muslimischen Gemeinschaft und der Mehrheitsgesellschaft verdrängt. In Deutschland sieht es nicht viel besser aus. So wird die mühselige Integration noch schwieriger. Ganz im Sinne von Islamisten und Rassisten. Da ist ein Impuls überfällig, der stärker wirkt als Provokationen wie Al-Quds-Tag und Nazi-Marsch.

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