Holocaust-Gedenken : Die Stunde der Mahner

Zeitzeugen sind Staatsmänner ohne Mandat: Ohne Macht üben sie doch eine sanfte Gewalt aus. Die Mahnungen der Alten zu beherzigen ist freilich Sache der jüngeren Generation.

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Die Berichte der Zeitzeugen lassen den Schrecken des Holocaust nicht in Vergessenheit geraten.
Die Berichte der Zeitzeugen lassen den Schrecken des Holocaust nicht in Vergessenheit geraten.Foto: dpa

Sehr viele Gelegenheiten wird Marcel Reich-Ranicki, dem der Schöpfer ein langes Leben schenken möge, nicht mehr haben, um die Nachgeborenen an jene furchtbaren Stunden und Tage im Warschauer Ghetto zu erinnern, in denen die SS vom 22. Juli 1942 an begann, die Ausrottung der polnischen Juden zu exekutieren. Der 91-Jährige erlebte als Übersetzer für den Judenrat mit, was Umsiedlung genannt wurde und tatsächlich war, was er beim Holocaust-Gedenken als Zeitzeuge im Bundestag so benannte: Über die größte jüdische Stadt Europas war das Urteil gefällt worden – das Todesurteil.

Vor dem Hintergrund einer braunen Mörderbande, die in diesen Tagen, vom Verfassungsschutz unfassbar verkannt, ein Jahrzehnt lang quer durch Deutschland Verbrechen nach Verbrechen verübte, trägt die brüchige Stimme eines schwer am Erlebten leidenden alten Mannes über den Plenarsaal hinaus weit ins Land. Es ist eine Stimme, der wir lauschen, so wie wir einem Richard von Weizsäcker, einem Helmut Schmidt und einem Hans-Dietrich Genscher nachhören, denn es sind Stimmen, die uns, mahnend wie die Seher der griechischen Mythologie, aus dem erlebten Gestern beschwören, die Zeichen nicht zu missachten, nicht blind zu sein gegenüber der drohenden Wiederkehr alt-neuer Verstrickung in Schuld. Sie verkörpern alle eine Ära europäischer Geschichte, und obwohl Reich-Ranicki den Reihen der Opfer, Weizsäcker und Schmidt, beide als Wehrmachtsoffiziere, im gleichen Alter dem Tätervolk angehörten und Letztere am Wissen um die schuldhafte Verstrickung nie zweifeln ließen, führt sie heute das Geschehen von einst zusammen. Wir vernehmen ihre Stimmen, sind geradezu begierig, ihre Nähe zu spüren.

Was ist das, was uns zu ihnen treibt? Zu denen, nimmt man jetzt Marcel Reich-Ranicki einmal aus, die ja in einer früheren Zeit weder frei von Fehlern noch von Widersprüchen waren, die polarisierten, intrigierten, ihre Machtspiele mit- und gegeneinander trieben? Egon Bahr gehört ebenfalls dazu, und auf der immer wieder in Berlin aufgebauten Weltbühne auch Michail Gorbatschow, Henry Kissinger, George Bush sen., George Shultz. Das Scharfkantige, das Bissige, das ihr Wesen noch vor Jahrzehnten zu beherrschen schien, ist der Weitsicht des Alters gewichen, die aber keiner mit Milde verwechseln sollte. Davon sind sie weit entfernt. Allesamt Zeitzeugen ohne Mandat und Staatsmänner ohne Macht. Doch üben sie auf uns sanfte Gewalt aus, die Gewalt des Wortes, im tiefen Sinne über-mächtig. Deshalb vielleicht auch reagieren wir so allergisch, wenn uns eine junge Politikergeneration mit allenfalls angelesener Erfahrung aus zweiter Hand den Weg weisen will, den sie bestenfalls als Seminar- und Parteibuchweisheit kennen kann.

Norbert Lammert, der Präsident des Bundestages, sagte gestern, warum in der Gedenkstunde die Nocturne cis-Moll von Fréderic Chopin gespielt wurde: Weil der freie polnische Rundfunk diese Klaviermusik mit dem deutschen Überfall 1939 abbrach und das Programm nach der Befreiung damit wieder aufnahm. Zum kulturellen und zivilisatorischen Erbe Europas, der Menschheit, gehört diese Erinnerung in cis-Moll. Auch die Mahnungen der großen Alten dieses Kontinentes, die uns so wichtig geworden sind, klingen meist eher in Moll, sind frei von hohen Tönen. Aber offenbar haben wir gelernt, das Wichtige herauszuhören. Die Mahnung des „Nie wieder“ zu beherzigen, ist nun freilich unsere Sache. Das können uns die Alten nicht abnehmen.

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