Meinung : Holocaust-Gedenktag: Fortschrittsglauben - eine Gefahr

Gerd Appenzeller

Mit ihren wenigen Gedenktagen hat die Bundesrepublik nicht immer eine glückliche Hand gehabt. Über manche ging die Zeit hinweg. Über die Nachhaltigkeit anderer wird die Zeitgeschichte entscheiden. Keiner aber spiegelt so wie der 27. Januar die Last der deutschen Vergangenheit. Der Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee im Januar 1945 ist erstmals 1996, auf eine Anregung des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog hin, zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus erklärt worden. Gleich beim ersten Mal zeigten Bundestag und Bundesrat Mangel an Einfühlungsvermögen, als sie aus Termingründen die Feierstunde auf den 19. Januar vorverlegten. Fünf Jahre später fand die Sondersitzung der parlamentarischen Gremien gestern einen Tag zu früh statt, als Anhängsel an die Debatte über die Rentenreform.

Beliebigkeit als Ausdruck mangelnder Achtung vor der historischen Wegmarke? Mehr als eine lässliche Sünde in jedem Fall. Wenn man am Ende der Veranstaltung im Reichstag feststellen konnte, dass nicht die Form, sondern der Inhalt entscheidet, dann ist das zwei Rednern zu danken. Der eine, der Bundestagspräsident, fand in aller Kürze den Zugang zu vielen Menschen, die am Sinn solcher Veranstaltungen zweifeln, als er in aller Offenheit bekannte, wie er selber nach neuen, ermutigenden Formen des Erinnerns suche.

Der andere, der Bundespräsident, spannte mit einer großen und mutigen Rede den Bogen vom Nationalsozialismus in die Jetztzeit. Bereits bei seiner letztjährigen Rede zur Situation der Ausländer in der Bundesrepublik hatte es Johannes Rau verstanden, vorhandenes Missverstehen und existierende Gräben deutlich anzusprechen. Daraus entwickelte er die Überzeugungskraft, das Zusammenleben verschiedener Nationalitäten in diesem Land als gemeinsame Verpflichtung und Gewinn für alle darstellen zu können. Das war lange, bevor der Merzsche Begriff der "deutschen Leitkultur" die Debatte verdüsterte.

Gestern sprach Rau in aller Offenheit die unter Jugendlichen verbreiteten Zweifel am Sinne des öffentlichen Erinnerns und den Überdruss an Veranstaltungen an, die Schuldgefühle in einer Generation erzeugen, für die der Nationalsozialismus nichts als Geschichte ist. Das Bild, das wir uns von der Vergangenheit machen, bestimmt unsere politische Gegenwart - so lautet die Antwort des Staatsoberhauptes auf die Frage nach dem Sinn des Gedenkens. Und Rau erinnerte auch an eine andere Lehre: Wir erinnern uns ja nie ein- für allemal. Unter dem Eindruck der Lebenserfahrung, neuer historischer Erkenntnisse und immer neuer Begegnungen mit anderen Schicksalen verändern sich die Eindrücke, werden vermeintliche Gewissheiten in Frage gestellt. Und Gedenken, das tun wir in diesem speziellen Fall nicht um der Wirkung nach außen willen, sondern um unserer selbst willen.

Das zu verstehen, mag gerade in der jüngeren Generation schwer fallen. Aber Rau erinnerte daran, dass der Nationalsozialismus nicht wie ein Sturm über Deutschland gekommen sei, sondern gerade von Akademikern und Wissenschaftlern mit Begeisterung aufgenommen wurde, weil er Forschung und Wissenschaft von ethischen Fesseln befreite und alles erlaubte, wenn es nur dem Fortschritt nütze. In der Bundesrepublik hingegen sei, als Lehre aus der NS-Zeit, auch die Wissenschaft an die Grundwerte der Verfassung, an den Respekt vor der Menschenwürde gebunden.

Da setzte sich das Staatsoberhaupt unüberhörbar in Gegensatz zur Meinung des Bundeskanzlers über die Anwendung der Genforschung und demonstrierte damit eindrucksvoll, warum wir uns an die Vergangenheit erinnern müssen. Der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus führt uns mitten in die Gegenwart.

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