Meinung : Holocaust-Kontroverse: Die Finkelstein-Ersatz-Debatte

Jacob Heilbrunn

Ein amerikanischer Jude kommt nach Deutschland. Monate zuvor wurde sein Buch schon in der deutschen Presse diskutiert. Jetzt liegt es endlich in deutscher Übersetzung vor. Und wieder gibt es einen mächtigen Medien-Auftrieb. Denn der Autor wiederholt vor überfüllten Sälen seine Thesen - und die Deutschen blicken mal wieder ängstlich in ihre Vergangenheit.

So war es, als Daniel Goldhagen nach Deutschland reiste - und genau das Gleiche wiederholte sich derzeit, weil sein Antipode, Norman Finkelstein, in Deutschland ist. Ob ein Historiker den Deutschen vorwirft, sie seien damals Hitlers willige Vollstrecker gewesen, oder ob einer amerikanische Juden bezichtigt, dass sie die Deutschen ausbeuten - das scheint einerlei zu sein. Hauptsache, ein US-Jude tritt schillernd auf, befasst sich mit der Nazizeit und reizt das Publikum mit provokanten Sprüchen.

Eigentlich sollte die Berliner Republik sich der Zukunft zuwenden, doch sie widmet sich mit Inbrunst der Vergangenheit. In Deutschland herrscht ein Mangel an ernsthaften, intellektuellen Debatten, und, noch wichtiger, auch an "public intellectuals", die es verstehen, nicht nur die wissenschaftliche Gemeinde zu interessieren, sondern auch das große Publikum. Weil das so ist, funktioniert die Debatte um die Vergangenheit als Ersatz.

Genau das zeigt der Umgang mit Finkelstein. Kaum jemand hat auf den Hintergrund von Finkelsteins Argumentation hingewiesen. Denn dem Antizionisten Finkelstein geht es vor allem darum, die Legitimation des Staates Israel in Zweifel zu ziehen - Israel bekam doch von Deutschland Entschädigungszahlungen. Doch statt diese politische Linie zu kritisieren und zu widerlegen und die wenigen richtigen Argumente anzuerkennen, vertieft man sich in Deutschland in abstruse Debatten über die möglichen Auswirkungen seines Buches. Ein SWR-Film über die Finkelstein-Debatte wurde sogar erstmal verschoben (heute abend wird er gezeigt, mit anschließender Diskussion). Das alles ist ein intellektuelles Armutszeugnis.

In Deutschland neigt man dazu, zu dämonisieren - oder zu vergöttern. Und dabei vergisst man, dass es noch etwas anderes gibt: die Entzauberung. Bei Finkelstein hätte das wirklich nahe gelegen. Denn seine wüsten Thesen über die bösen jüdischen Ausbeuter haben bewirkt, was bislang unmöglich schien: They make Daniel Goldhagen look good.

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