Homöopathie : Unsterblicher Irrglaube

Die Homöopathie macht arbeitsfähig und zufrieden – immerhin. Der Glaube an sie ist ein Armutszeugnis für die "Mediziner der Schule".

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Wissenschaftliche Ärzte hatten es nicht leicht, damals am Ende des 18. Jahrhunderts. Aderlass, Abführmittel und Brechmittel waren die wichtigsten Therapien; die etablierten Mediziner quälten damit seit dem Mittelalter ihre Patienten zu Tode. Zugleich wimmelte es von Scharlatanen, die populäre naturwissenschaftliche Themen zu Geld machten. Der Deutsche Franz Mesmer vollbrachte mit Magneten wundersame Heilungen, er wurde in Paris wie ein Popstar verehrt. In ganz Europa verbreitet war auch die Lehre des schottischen Arztes John Brown, dessen Therapiemethode auf der Elektrizitätslehre aufbaute – Elektrisiermaschinen waren auf den Jahrmärkten des 18. Jahrhunderts der letzte Schrei.

In dieser Zeit der Umbrüche kämpfte der junge Arzt Samuel Hahnemann gegen das Establishment und um seine Karriere. Das Medizinstudium in Wien musste er zeitweise aufgeben, weil ihm das Geld ausging. Später praktizierte er nur unregelmäßig, weil die Patienten ausblieben. Aus Geldnot zog er ständig um, arbeitete als Bibliothekar und Übersetzer. Er schimpfte auf die „Mediziner der Schule“, die keine Zeit für ihre Patienten hätten und grausame Methoden anwendeten.

Während in Frankreich die Große Revolution tobte, unternahm Hahnemann in einem Leipziger Vorort einen Selbstversuch, der als Geburtsstunde der Homöopathie gilt. Tagelang nahm er kleine Dosen Chinarinde ein, die bereits damals gegen Malaria (Wechselfieber) angewendet wurde. Der Forscher fühlte sich matt und schläfrig, bekam Herzklopfen und ein taubes Gefühl am ganzen Körper. Nach Hahnemanns Überzeugung waren das genau die gleichen Symptome wie bei Wechselfieber, „doch ohne eigentliche Fieberschauer“. Chinarinde wirkt gegen Wechselfieber, schloss der Forscher, weil es ähnliche Symptome hervorruft: „Similia similibus curentur“.

Schon bald war klar, dass Chinarinde nicht die Symptome der Malaria hervorruft. Auch die anderen Mittel, die Hahnemann meist nur an einer Handvoll Probanden testete, verursachen nicht die Symptome der Krankheiten, die sie heilen sollen. Die Grundidee der Homöopathie, „Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden“, ist indes nicht totzukriegen.

Auch das zweite homöopathische Prinzip, durch Verdünnung („Potenzierung“) eine stärkere Wirkung zu erzielen, wurde nie bewiesen – es lag jedoch mitten im damaligen Zeitgeist. Die Brownianisten glaubten ebenfalls an große Effekte kleiner Arzneimitteldosen. Auch für Hahnemanns Vorbild Paracelsus war die Arzneiwirkung unabhängig von der Dosis.

Mit den Entdeckungen des 19. Jahrhunderts gingen der Brownianismus, der Mesmerismus und all die anderen „vitalistischen“ Theorien unter. Auch Aderlass, Abführmittel und Arsenkuren verschwanden aus dem medizinischen Repertoire. Nur die Homöopathie, die bereits zu Hahnemanns Zeiten als wissenschaftlich unhaltbar galt, erfährt eine Renaissance.

Dass homöopathische Arzneimittel nur durch den Placeboeffekt wirken, ist im 21. Jahrhundert unumstößlich gesichert – wer das bezweifelt, muss zuerst 200 Jahre Erkenntnisgewinn widerlegen. Abstruse Erklärungsversuche, wie das „Gedächtnis des Wassers“ für herausverdünnte Homöopathika, wurden widerlegt oder sogar als Betrug entlarvt.

Dass trotzdem mehr als die Hälfte der Deutschen an die widerlegte Theorie eines Einzelkämpfers aus dem 18. Jahrhundert glauben, ist ein Armutszeugnis für die „Mediziner der Schule“. Gerätemedizin, Pillen aus der Pharmaindustrie und Massenabfertigung sind vielen Patienten suspekt wie Aderlassmesser. Dass die „Schulmedizin“ das Ergebnis von zweitausend Jahren Erfahrung und Weiterentwicklung ist, lässt sich in Zweiminutengesprächen nicht vermitteln.

Die Forderung einiger Schulmediziner, den Krankenkassen die Erstattung homöopathischer Leistungen zu verbieten, wird das Vertrauen der Patienten nicht verbessern. Wenn man von schweren Krankheiten absieht, hat Homöopathie immerhin den Vorteil, für wenig Geld den Patienten arbeitsfähig und zufrieden zu machen – und zwar garantiert ohne Nebenwirkungen. Die Kassenaufwendungen von neun Millionen Euro im Jahr, bei 170 Milliarden Gesamtausgaben, sind also gut investiert.

- Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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