Hubert Kleinert : „Das letzte grüne Tabu ist die Atomkraft“

Der frühere Abgeordnete der Grünen, Hubert Kleinert, fordert von der Ökopartei ein Umdenken - ausgerechnet in Sachen Atomkraft.

Hans Monath

Man muss kein Provokateur sein, um Grünen-Politiker in der Atomdebatte dieser Tage zum Schäumen zu bringen. Es genügt schon, wenn man der Ökopartei angehört oder für sie einmal wichtige Funktionen ausgefüllt hat und nun das eherne Nein seiner Parteifreunde zu längeren Laufzeiten von Atomkraftwerken vorsichtig infrage stellt. Wütende Attacken folgen zuverlässig.

So geht es nun dem Marburger Politikwissenschaftler Hubert Kleinert, der für die Grünen im Bundestag saß und als realpolitischer Vordenker Joschka Fischer beriet. „Mit Entsetzen“ reagierte die Grüne Jugend auf ein „Spiegel“-Interview des 54-Jährigen, in dem er die Atomkraft „das letzte verbliebene Tabu“ der Grünen nennt und dazu aufruft, „zu einer verantwortungsethischen und rationalen Bewertung“ bestehender Atomkraftwerke zu kommen. „Massiv geschadet“ habe Kleinert den Grünen, schimpft der Parteinachwuchs. Auch Fraktionschefin Renate Künast teilte kräftig aus und nannte Kleinert „naiv“. Das Interview zeige, dass auch ein Professor grüner Herkunft Dinge behaupte, „ohne Sachkenntnis zu haben“.

Dabei macht Kleinert in dem Interview aus seiner kritischen Haltung zur Kernkraft keinen Hehl, spricht ihr das Prädikat Zukunftstechnologie ab und verweist auf das ungelöste Endlagerproblem. Doch allein die Anregung zur Debatte („Eine Verlängerung der Laufzeiten für moderne Atomkraftwerke scheint mir bei rationaler Risikoabwägung durchaus diskutabel“) gilt schon als Verrat. Das Nein zur Atomkraft ist bei den Grünen ein Glaubenssatz, für den Argumente höchstens nachgereicht werden. Rund ein Jahr vor der Bundestagswahl erlaubt sich kein aktiver Bundespolitiker, dieses Parteidogma infrage zu stellen.

Kleinert freilich hat Erfahrung im Schleifen von Parteidogmen: In den frühen 90er Jahren half er mit, die weltfremde Einstellung der Grünen zur Wirtschaft und ihre Ohne-uns-Haltung in der Außenpolitik zu überwinden. Nach zwei Jahren als Landeschef der hessischen Grünen trat er 2002 zurück: Seine realpolitischen Zumutungen überforderten auch die realsten der Realpolitiker. Seither kann der politische Analytiker seine Meinung noch freier äußern. So hält er die Verteufelung von Ministerpräsident Roland Koch (CDU) durch seine Partei für unpolitisch. Und kein Verständnis bringt er dafür auf, dass sich die hessischen Grünen dem Kamikaze-Kurs von SPD-Landeschefin Andrea Ypsilanti verschreiben.Hans Monath

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