Hüllenloser Aktivismus : Nackter Protest befreit unsere Gefühle

Eine ägyptische Bloggerin zieht sich aus, nackte Frauen ziehen auf "Slut Walks" durch die Straßen. Nacktheit ist wieder ein Thema und damit das Recht auf Weltschmerz, Verlorenheit und Hingabe.

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Die ukrainische Protestgruppe FEMEN hat es in den letzten Monaten zu einiger Berühmtheit gebracht. Hier protestieren die Damen gegen den Besuch des russischen Präsidenten Putin in der Ukraine im Oktober 2010.Weitere Bilder anzeigen
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24.11.2011 14:00Die ukrainische Protestgruppe FEMEN hat es in den letzten Monaten zu einiger Berühmtheit gebracht. Hier protestieren die Damen...

Es gibt Dinge, von denen habe ich keine Ahnung, von Autos zum Beispiel verstehe ich so gut wie nichts. Schwierigkeiten habe ich außerdem bei der Prozentrechnung, mein Französisch ist nicht der Rede wert, leider kann ich kein Instrument spielen. Mein Wissen über das Kochen muss ich rudimentär nennen. In dieser Kolumne geht es um Frauen.

Eine ägyptische Kunststudentin hat aus politischem Protest nackt im Netz posiert, das Bild ist mittlerweile bekannt: Alia Magda al-Mahdi trägt rote Lack-Ballerinas, halterlose Strümpfe und eine rote Schleife im Haar. Ihr Blick in die Kamera ist schüchtern, fast ängstlich. Manche Fotos hat sie bearbeitet, ein gelber Balken liegt da auf den Augen, auf dem Mund, auf dem Schambereich, und diese Balken, schreibt die 20-Jährige in ihrem Blog, stünden für „die Zensur unseres Wissens, Ausdrucks und Sexualität.“ Das Blog hat den Titel „Tagebuch einer Rebellin“, darin bezieht sie Stellung „gegen eine Gesellschaft von Gewalt, Rassismus, Sexismus, sexueller Belästigung und Heuchelei“.

In Ägypten sorgten die Bilder für einen Sturm der Entrüstung, am Montag finden die Parlamentswahlen statt, das Land ist noch immer in Aufruhr, die Revolution vom Frühjahr sehen viele Aktivisten in Gefahr, einige distanzieren sich von der Aktion der Bloggerin und betonen, dass es zwischen der Nackten und der Protestbewegung keine Verbindungen gibt, so als sei die Frau ein Makel, eine Art Geschwür, dabei schreibt die Bloggerin über sich selbst, sie sei eine „säkulare, liberale, feministische, vegetarische, individualistische Ägypterin“.

Eine moderne junge Frau. Eine junge moderne Frau, die sich nackt zeigt, die ihre Weiblichkeit zur Schau stellt. Ähnlich wie in den vergangenen Wochen junge Frauen auf so genannten „Slut Walks“ ohne Kleidung protestierten – und plötzlich ist Nacktheit wieder ein Thema, ausgerechnet, nachdem sich bereits jede Nebendarstellerin einer Vorabendserie schon für den „Playboy“ ausgezogen hat.

Feministinnen entzweit die Frage nach der Nacktheit, nach der Sexualität überhaupt. Die einen werfen den anderen Verharmlosung vor, eine Art von Geschichtsvergessenheit, während die anderen denken: Männerhass, Selbsthass. Und dann jubeln aber doch nicht wenige Frauen gerade über die Geburt des Popstars Lana del Rey, einer 25-Jährigen Sängerin aus New York, deren Ruhm sich auf ein einziges Lied gründet. Es heißt „Video Games“ und ist allerdings ein Versprechen. Hier wird eine Frau gerade größer als Lady Gaga, als Feist so wieso, und das liegt zum anderen daran, dass dieses einzige Lied besser ist als alle Lieder von Feist, zum anderen liegt es aber daran, dass Lana del Rey ein großes Spiel mit der Sexualität wagt: Ihre Lippen sind aufgespritzt, ihr Blick, ihr Körper – all das will so unbedingt ein Objekt der Begierde sein, dass nur noch Traurigkeit bleibt, und traurig ist auch ihr Hit, traurig ist das, was sie singt: „I'm in his favorite sun dress / Watching me get undressed / Take that body downtown. I say you the bestest / Lean in for a big kiss / Put his favorite perfume on.“ Und dann heißt es im Refrain: „It's you, it's you, it's all for you / Everything I do / I tell you all the time / Heaven is a place on earth with you / Tell me all the things you want to do / I heard that you like the bad girls / Honey, is that true?“ Nackter kann man nicht mehr sein.

Slutwalks: Hunderte "Schlampen" marschieren durch Städte
Mit viel nackter Haut haben hunderte „Schlampen“ am Samstag in deutschen Städten als Teil einer internationalen Protestbewegung gegen Sexismus demonstriert. Die sogenannten Slutwalks (Schlampenmärsche) sollten auf das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung aufmerksam machen.Alle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: dpa
14.08.2011 18:02Mit viel nackter Haut haben hunderte „Schlampen“ am Samstag in deutschen Städten als Teil einer internationalen Protestbewegung...

Und dieses Lied ist – ähnlich wie die Aktion der ägyptischen Bloggerin - eine Befreiung. Das Lied, das dankenswerterweise gerade dauernd im Radio läuft, erzählt von der schönen und traurigen Einrichtung Sex, und fordert dabei etwas ein, das Frauen sich vom feministischen Fortschrittsglaube haben nehmen lassen: das Recht auf Weltschmerz, Verlorenheit und Hingabe. Gefühle, die sich nun mal verstärken, wenn man gerade nackt ist.

Ich glaube, es geht um das Sichtbarmachen dieser Gefühle. Ich glaube, Männer, die etwas anderes sehen, sollten sich schämen.

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