Humboldt-Forum : Vorausschauen und zurück

Das Humboldt-Forum mit seinem Anspruch, das Verhältnis Deutschlands zur Welt kulturell neu zu bestimmen, ist ein einzigartiges Vorhaben.

Christina Tilmann

Berlin, 2015. Der Bundespräsident eröffnet das Humboldt-Forum im Stadtschloss. Unter den Gästen befinden sich Barack Obama, Shahrukh Khan und Salman Rushdie, Menschen aus aller Welt tummeln sich im Schlüterhof. Am Rande protestieren Studenten gegen den kolonialistischen Hintergrund der Sammlungen und fordern die Restitution an die Ursprungsländer.

Vision oder Albtraum? Das Humboldt-Forum, das in den Fassaden des barocken Stadtschlosses entstehen soll, ist vielleicht nicht "das wichtigste Projekt dieses Jahrhunderts", wie Volker Hassemer es großtönend nennt. Es ist jedoch, am zentralen Ort Berlins, mit einem Bauvolumen von weit über 500 Millionen Euro und dem Anspruch, das Verhältnis Deutschlands zur Welt kulturell neu zu bestimmen, ein einzigartiges Vorhaben.

Wenn sich am heutigen Mittwoch im Alten Museum am Lustgarten die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit einer ersten Ausstellung zum Humboldt-Forum präsentiert, ist das also weit mehr als eine Leistungsschau der Berliner Museen. Nach den leidigen Diskussionen um den Schloss-Wettbewerb und zuletzt darüber, ob das Büro von Architekt Franco Stella das Projekt überhaupt stemmen kann, steht nun die Hauptidee im Zentrum: die Vision von einem Ort des 21. Jahrhunderts, der beides sein will, Museum für außereuropäische Kunst und Agora für die Kulturen der Welt.

Im Zentrum steht damit auch die Frage: Was für ein Bild von sich selbst vermittelt Deutschland auf diesem Platz? Um Identität geht es hier immer, auch beim benachbarten Denkmal für die deutsche Einheit. Konflikte, Brüche, Widersprüche, all das bringt der Schlossplatz als Fundament mit. Eine Hypothek. Und eine Chance. Bruchlos schön, wie sich mancher Schlossfreund die geklont rekonstruierte Fassade wünscht und wie sie Architekt Stella verspricht, ist dieser Ort am allerwenigsten.

Zwei Möglichkeiten: ein weltoffenes Schloss, eine Zukunftswerkstatt, wie es sich die Väter des Humboldt-Forums erträumen - oder eines, das die Zukunft aus der Vergangenheit erklären will. Ein Forum für alle nur denkbaren Aktualitäten, eine Akademie für die Kulturen und Probleme der Welt - oder, in Ergänzung zur Museumsinsel, noch ein Museumsbau, der die außereuropäischen Sammlungen zeitgemäß präsentiert und aus der historischen Perspektive unser heutiges Verhältnis zur Welt beschreibt.

In diese Richtung geht die Ausstellung der Museumsmacher. Auf Agora-Öffnung hingegen drängen die Politiker. Beide finden für ihre Leidenschaft nicht genügend Gehör. Über den Abriss des Palasts der Republik und die Schlossfassade wurde in ganz Deutschland erbittert gestritten. Die Vision Humboldt-Forum hingegen trifft auf höfliches Desinteresse. Berlin mag Treffpunkt für Studenten, Künstler und Kreative aus aller Welt sein. Für die Kulturen, aus denen sie stammen, gibt es kaum ein Podium. Die außereuropäische Welt bleibt ein Thema für Schreckensmeldungen von Krieg und Terror.

Dabei geht es darum, Kultur und Politik, Geschichte und Gegenwart zusammenzudenken - und zu zeigen. In Pakistan eskaliert der Konflikt mit den Taliban, zur gleichen Zeit zeigt der Berliner Gropius-Bau in seiner Gandhara-Ausstellungen aus ebendieser Region Kunstobjekte, die nicht nur von Kriegen künden, sondern auch vom atemberaubenden Dialog und Transfer der dortigen Völker, Kulturen und Religionen. Aber keiner schaut hin. Das ist kein eiserner, sondern ein bleierner Vorhang im Kopf. Das Humboldt-Forum könnte ihn heben.

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