Meinung : Hunderttausend von innen gereinigte Kniegelenke

Schuld an der Ärztemisere sind deren Funktionäre

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Alexander S. Kekulé Das Klima zwischen Ärzten und Politikern ist eisig wie selten zuvor. Zuerst protestierten die Kliniker, jetzt stehen die Niedergelassenen auf der Straße. Am heutigen Mittwoch soll bundesweit die Hälfte aller Praxen geschlossen bleiben. Die Mediziner wollen für mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen demonstrieren, gemeinsam mit ihren Arzthelfern und Patienten. Die frostigen Versammlungen, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt, sollen die Gesundheitsreformer endlich in die Schranken weisen. Weitere Aktionen sind angekündigt – die Halbgötter in Weiß suchen den Showdown mit der Politik.

Der Frust der Ärzteschaft ist verständlich. Viele Niedergelassene verdienen heute weniger als vor fünf Jahren. In den Kliniken wird malocht bis zur Erschöpfung, für einen Großteil der Überstunden gibt es kein Geld. Die Bundesgesundheitsministerin weiß jedoch, dass sie hart bleiben muss, sonst wäre auch diese Gesundheitsreform zum Scheitern verurteilt. Mit dem Leiden der Doktores geht sie wenig zimperlich um: Deren Einkommen stamme schließlich von Beitragszahlern, die im Mittel nur 2210 Euro brutto im Monat verdienen. Dagegen würden selbst den armen Allgemeinärzten im Osten noch 6300 Euro im Monat bleiben, nach Abzug aller Kosten.

In einem Punkt hat Ulla Schmidt recht: Den meisten Ärzten in Deutschland geht es lange nicht so schlecht, wie ihre Funktionäre tun. Mit einer gut besuchten Kassenpraxis lässt sich auch heute noch ein Einkommen erzielen, das mit anderen akademischen Berufen vergleichbar ist. Durch die Privaten kann der Arzt am Ende des Quartals auch noch ein paar Kassenpatienten umsonst behandeln, ohne gleich pleite zu gehen. Das Horrorszenario der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), wonach ein Drittel der Praxen unmittelbar vor der Pleite stehe, ist wenig glaubwürdig. In den Jahren 2004 und 2005 haben nach eigenen Angaben der KBV nur 86 beziehungsweise 125 Ärzte aus Geldgründen aufgeben. Das ist gerade mal ein Tausendstel der rund 96 000 Praxen in Deutschland. Verglichen mit anderen Wirtschaftsbereichen ist das keine Katastrophe, zumal es im gleichen Zeitraum auch viele Neugründungen gab.

Dennoch ist unbestritten, dass es der Masse der Ärzte über die Jahre wirtschaftlich immer schlechter geht. Wer kein volles Wartezimmer und keine Privatpatienten hat, muss jeden Cent dreimal umdrehen und kann am Ende des Quartals nicht mehr verschreiben, was er für notwendig hält. Wenn der Doktor dann seine Mitarbeiter entlassen und abends noch pieselige Punktwerte berechnen muss, fragt er sich zu Recht, warum er sich das mühsame Medizinstudium angetan hat.

Die Proteste zielen jedoch auf den falschen Gegner: Nicht die Politiker, sondern die eigenen Funktionäre sind schuld an der Misere der Ärzte. Jahrzehntelang sahen sie tatenlos zu, wie die Kosten im Gesundheitswesen explodierten. Statt sinnvoll zu sparen, schufen sie – gemeinsam mit der Industrie – immer neue Angebote, darunter viele mit zweifelhaftem Nutzen. Die Beispiele unsinniger Medizin sind Legion: Hunderttausende Kniegelenke werden jährlich von innen „gereinigt und poliert“, ohne nachgewiesenen Nutzen. Zehntausende Hörsturz-Patienten bekommen Infusionen, deren Sinnlosigkeit seit Jahren erwiesen ist. Herzkatheter-Untersuchungen kosten eine halbe Milliarde Euro im Jahr – ein Drittel davon wird an vollkommen gesunden Herzen gemacht. Etwa 20 bis 40 Prozent aller Patienten, so schreibt das renommierte „New England Journal of Medicine“, bekommen Therapien ohne nennenswerten Nutzen. Von den gebräuchlichen Heilmitteln besitzen 80 Prozent keine abgesicherte Wirksamkeit.

Den Wildwuchs kann nur die Ärzteschaft selbst eindämmen, indem sie jedes Verfahren nach strengen, wissenschaftlichen Maßstäben bewertet. Aufgrund der vorliegenden Studien ist anzunehmen, dass dadurch ein Drittel der ärztlichen Leistungen wegfallen könnte, ohne die Gesundheit der Patienten im Geringsten zu beeinträchtigen. Es gibt also nicht zu wenig Geld, sondern zu viel nutzlose Medizin. Aber mit dieser bitteren Wahrheit wird wohl vorläufig kein Kandidat zum Spitzenfunktionär gewählt. Dann doch lieber demonstrieren und frieren.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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