Meinung : Hunger nach Aufmerksamkeit

Westeuropa verliert die Lust am Eurovision Song Contest, weil der Osten triumphiert

Matthias Oloew

Der Eurovision Song Contest (ESC) in Helsinki ist Geschichte. Der in Belgrad im kommenden Jahr schon jetzt historisch. Qualifiziert für das Finale in der serbischen Hauptstadt haben sich neben Griechenland und der Türkei nur Staaten jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Die vier Geberländer Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Spanien dürfen ebenfalls mitmachen. Der große Rest von West- und Nordeuropa muss sich im Halbfinale für die Teilnahme qualifizieren und trifft dort schon wieder auf eine Übermacht aus dem Osten: Mindestens 13 Länder vom Balkan und der ehemaligen Sowjetunion treten an.

Diese Aussichten verderben den ESC-Fans, die immer noch „Grand Prix“ zu der Show sagen, schon jetzt die Laune. Sie rufen nach Protektionismus für Westeuropa, wollen die Abstimmung per Telefon abschaffen und die alten Jurys wiederhaben. Diese Haltung zeigt: Sie sind schlechte Verlierer, die obendrein noch nicht mitbekommen haben, dass Europa 17 Jahre nach dem Exitus des Ostblocks ein bisschen größer geworden ist.

Niemand hat bei der Show am Sonnabend sein Lied mit so viel Emphase vorgetragen wie die Siegerin aus Serbien. Das muss belohnt werden. Und wer wird es Ländern wie Moldawien, das Millionen Europäer vermutlich nicht einmal auf der Landkarte finden würden, verübeln, wenn sie die Chance ESC nutzen, um sich vor einem Millionenpublikum zu präsentieren?

Sie legen sich mächtig ins Zeug, präsentieren das Beste, was ihre Musikszene zu bieten hat – und haben Erfolg. Moldawien braucht die Aufmerksamkeit. Frankreich nicht. Entsprechend fallen die Auftritte aus. Um beim ESC zu siegen, braucht es Stimmen aus ganz Europa, das hat das Beispiel Serbien gezeigt: „douze points“ kamen auch aus der Schweiz und Finnland.

Trotzdem gibt es Reformbedarf. Wenn die Gäste im Saal und in den Kneipen von Berlin die Punktevergabe vorhersagen, kaum dass die Ansager aus Mazedonien, Bosnien oder Kroatien auf den Bildschirmen erscheinen, ist etwas faul. Die Punktevergabe, einst kultiger und spannender Höhepunkt des Abends, wird langweilig. Mehr aber auch nicht.

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