Hysterie : Weihnachtsmarkt und Klingeltöne

Es sind nur noch drei Tage. Dann bricht sich der Terror Bahn. Doch Hysterie ist ein schlechter Ratgeber.

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Helmut Schümann
Helmut SchümannFoto: Kai-Uwe Heinrich

Es sind nur noch drei Tage. Dann bricht sich der Terror Bahn. Auf öffentlichen Plätzen werden Menschen in Scharen mit der immer gleichen Musik gequält. Eine Methode, die die Amerikaner schon perfide in Guantanamo eingesetzt haben. Ziel der Tortur: Die Menschen sollen apathisch gemacht werden, willfährig, verführbar. Dann eilen sie zu Bretterbuden, kaufen sich rote Getränke, die sie in sich hineinschütten, als sei es was Gutes. Sie schütten und schütten, dann schlabbern sie. Die rote Flüssigkeit ist zudem klebrig. Sie verursacht Kopfschmerzen. In diesem Zustand sind sie nicht mehr Herr ihrer Sinne, sondern kaufen an anderen Bretterbuden unsinniges Zeug, das gleiche Zeug, das sie schon im Vorjahr gekauft haben und in dem Jahr davor auch. Das Zeug verschenken sie dann, es stapelt sich nach kurzer Zeit bei den Beschenkten im Keller. Aber die immer gleiche Musik erklingt unerbittlich weiter. Sie handelt von Rentieren mit roten Nasen und stillen Nächten. Man nennt diese Form des Terrors Weihnachtsmärkte. Am Montag eröffnen die Weihnachtsmärkte. Es gibt Grund zur Sorge, aber nicht zur Hysterie.

Hysterie ist ein schlechter Ratgeber. Ein Beispiel, das jeder kennt, der schon einmal Zug gefahren ist. Man sitzt gemütlich da, möchte diese Zeitung lesen, sich etwas Gutes tun. Nur der Mitreisende am anderen Ende des Waggons, der, der noch nicht weiß, dass man in ein Handy nicht brüllen muss, nur weil es kein Kabel hat, nervt wie die immer gleiche Musik vom Rentier mit der roten Nase. Zwei Eingeborenenstämme in Indonesien haben jetzt gerade demonstriert, wohin Hysterie am Telefon führt. Etwa hundert Angehörige des Wamene-Stamms in der Provinz Papua sind auf Yoka-Stammesmitglieder losgegangen. Mit Macheten und Pfeilen. Wegen eines Klingeltons des Handys. Den hatten die Yoka aufgenommen, ein Reggae mit einer Tirade, die sich gegen die Wamena richtet. Man erkennt das gleiche Muster wie im Zug: Da das Telefon und sein Benutzer, hier eine Gruppe von Menschen, die schwer angegriffen sind. Was Hysterie dann ausmacht? In der Provinz Papua brannten im Verlauf der Schlacht 23 Häuser nieder und ein Dutzend Autos ab. 56 weitere Häuser wurden beschädigt, verletzt zum Glück aber niemand. Man lernt daraus, dass Contenance die bessere Lösung ist als übertriebene Aufgeregtheit. Außerhalb des Zugabteils ist die leicht zu wahren: Man muss den Weihnachtsmarktterror mit seiner Beschallung und dem pappigen Glühwein nur weitläufig umgehen.

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