Meinung : „Ich bin als Jude geboren und werde es bleiben“

Claudia Keller

Der das sagt, war bis vor kurzem Erzbischof von Paris und damit der wichtigste Kardinal der katholischen Kirche Frankreichs. Jean-Marie Lustiger, 78, hieß als Kind Aaron Lustiger. Am Freitag begleitet er Papst Benedikt XVI. in die Synagoge in Köln. Dass ein deutscher Papst eine deutsche Synagoge besuche, sei ein wichtiges Symbol, sagt Lustiger. „Hoffentlich zeigt es, dass die Annäherung zwischen Katholiken und Juden, die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil begonnen hat, nicht nur eine Episode ist, sondern ein tief verwurzelter Weg.“

Der kleine, drahtige Mann hat eine Lebensgeschichte, wie sie das 20. Jahrhundert dramatischer kaum hätte schreiben können. Die jüdischen Eltern waren Anfang des Jahrhunderts aus Polen nach Frankreich eingewandert. Aaron schickten sie 1936 und 1938 zu Gastfamilien nach Heidelberg und Freiburg, damit sich sein Deutsch verbessere. Von den Aufenthalten jenseits des Rheins brachte der Junge eine so große Sympathie für den Katholizismus mit – auch wenn ihm Kinder dort stolz ihren HJ-Dolch zeigten und ankündigten, dass man alle Juden umbringen werde –, dass er konvertieren wollte. Gegen den Willen seiner Eltern wurde der 14-Jährige 1940 auf den Namen Jean-Marie getauft.

Drei Jahre später ermordeten die Nazis seine Mutter in Auschwitz. Ohne seinen Glauben, bekannte Lustiger später, hätte er das nicht verkraftet. „Wie können wir leben, wenn sich an unserer Tür das Grauen der Schoa verbirgt“, schrieb er nach seinem Besuch in Auschwitz 1983. Vergangenen Januar reiste er ein zweites Mal dorthin, Papst Johannes Paul II. hatte Lustiger gebeten, ihn bei der Feier zum 60. Jahrestag der Befreiung zu repräsentieren. Derselbe Johannes Paul II. hatte ihn 1979 zum Bischof von Orléans ernannt und kurz darauf zum Erzbischof von Paris.

Glück ist nicht die Abwesenheit von Unglück, sondern seine Überwindung, schrieb ein Philosoph. Lustigers Augen erzählen davon. Trotz seiner angegriffenen Gesundheit strahlen sie ein inneres Glühen aus. Sein Schicksal hat ihn nicht bitter werden lassen, sondern offen, den Menschen zugewandt. Jude und Christ zu sein, ist für ihn kein Widerspruch wie für viele Rabbiner und christliche Geistliche, sondern der natürliche Übergang vom Alten zum Neuen Testament. In der Demut und im Leiden kommen sich die jüdische und die christliche Tradition am nächsten. Davon ist Jean-Marie Lustiger überzeugt. Er muss es wissen, er hat beide gelebt.

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