Meinung : „Ich bin ein Kriegskind“

Daniela Sannwald

Seit 20 Jahren ist Joseph Vilsmaier mit der tschechischen Schauspielerin Dana Vávrová verheiratet – seitdem gehören bei ihm Film und Familie zusammen: Nicht nur Dana Vávrová ist häufig in seinen Filmen aufgetreten, sondern auch die gemeinsamen Kinder. Auch bei „Der letzte Zug“, dem neuesten Film der beiden, der am Donnerstag ins Kino kommt, hat das Ehepaar wieder gemeinsam Regie geführt. Man brauche, hat Joseph Vilsmaier einmal gesagt, jemandem zum Reden, wenn man sich mit so furchtbaren Schicksalen auseinandersetzt, wie er es schon in einem großen Teil seiner Filme getan hat.

Besonders die Nazizeit und der Holocaust beschäftigen den Regisseur seit langem. Er ist selbst ein Kriegskind, 1939 geboren, vielleicht kommt er deshalb immer wieder darauf zurück und legt Wert darauf, dass das, was er erzählt, auch historisch verbürgt ist. Wenn man will, kann man auch seinen zweiten Arbeitsschwerpunkt, den Heimatfilm, auf seine Biografie zurückführen: Er ist in einem niederbayerischen Dorf aufgewachsen und kennt das Landleben. 1997 hat er „Comedian Harmonists“ inszeniert als Geschichte, die vom Aufstieg des Männersextetts im Berlin der Goldenen Zwanziger bis zu dessen erzwungener Auflösung nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten reichte, weil einige der Sänger jüdischen Glaubens waren. Mit „Leo und Claire“ (2002) hat er sich einer Liebesbeziehung zwischen einem Juden und einer Nicht-Jüdin angenommen, die ebenfalls auf realen Schicksalen beruht – jetzt, in „Der letzte Zug“ geht es um den letzten Transport jüdischer Berliner nach Auschwitz im Jahr 1943.

Besonders augenfällig ist die Enge im Viehwaggon – Vilsmaier, der gelernter Kameramann ist, hat wirklich in so einem Güterwagen drehen lassen. Hitze, Hunger und Durst machen den Menschen, die auf wenigen Quadratmetern zusammengepfercht sind, zu schaffen. Gesichter und Hände sind schmutzig, Haare kleben, Kleider sind zerrissen und verdreckt. Und doch sieht man bei alldem immer auch die Arbeit der Maskenbildner.

Das ist es, was man Vilsmaier immer wieder vorgeworfen hat: Die von ihm geschaffenen Welten seien künstlich und steril, seine Figuren Schablonen, die dekorativ posierten, statt zu spielen. Die Gefühle der Millionen von Kinogängern, die sich seine Filme anschauen, weiß er dennoch zu mobilisieren. Fast beiläufig erzählt er von auseinandergerissenen Familien, Paaren, Geschwistern. Ein Familienmensch eben.

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