Meinung : „Ich bin für das Glück verantwortlich“

Helmut Schümann

Wir schreiben die 24. Minute, es ist ein denkwürdiger Abend. Andrej Schewtschenko läuft an, er will einen Elfmeter ins Tor des FC Bayern München treten. Er schießt vorbei. Aus dem Tor kommt Oliver Kahn gestürmt, er hat eine Fratze aufgesetzt. Es ist die Fratze des Irrsinns. Kahn brüllt Schewtschenko an, warum, weiß man nicht. Kahn war unbeteiligt am nicht verwandelten Elfmeter. Er brüllt.

Schewtschenko schweigt. Er ignoriert. Seine Miene ist entspannt. Es ist die Miene der Eleganz, der Souveränität. Denkbar, dass er in seiner ukrainischen Heimatsprache denkt: „Was brüllt der Spinner? Egal, ich komme gleich wieder.“ Eine Minute später kommt er. Der Ball kommt von rechts in den Strafraum geflogen. Schewtschenko köpft ihn ins Tor. Er dreht sich um, freut sich. Der Brüller im Tor verstummt, Schewtschenko beachtet ihn nicht, es gibt keine Geste der Rache.

Ja, so war das am Mittwochabend in Mailand. Eine kleine Szene, eine Schlüsselszene über den Zustand des deutschen Fußballs im Vergleich mit der Weltklasse. Hier Kahn, die old school, die Brachialgewalt, die das Fußballspiel als Kampf betrachtet, aber nichts mehr ist außer Imponiergebärde. Dort Schewtschenko, die Gegenwart und die Zukunft, leicht, entspannt, feinsinnig, die Fußball spielt, der Gewalt nicht weicht, sie nur umdribbelt.

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