Meinung : „Ich bin Großvater, …

Andrea Nüsse

… Vater und der Sohn der Opposition.“

An Selbstbewusstsein hat es dem libanesischen General Michel Aoun nie gemangelt. Der Haudegen, der in den letzten Tagen des libanesischen Bürgerkriegs eine provisorische Militärregierung führte, hatte damals den Kampf gegen die syrischen Truppen im Land aufgenommen. Wider alle Erfolgsaussichten. Geendet hat der Versuch damit, dass Aoun 1991 durch die Hintertür der französischen Botschaft in Beirut das Land verließ und die kommenden 14 Jahre im Exil in Paris verbrachte. Doch Aoun nimmt für sich in Anspruch, dass er dort und in Anhörungen vor dem US-Kongress die Grundlagen für die im Herbst 2004 verabschiedete UN-Resolution 1559 gelegt hat, die den Abzug der syrischen Truppen aus Libanon fordert. Seine triumphale Rückkehr nach Beirut nach dem Abzug des letzten syrischen Soldaten Anfang Mai wird von seinen Anhängern mit der Rückkehr Charles de Gaulles 1944 in das befreite Frankreich verglichen. Heute ist er der populärste Politiker im christlichen Lager. Und der 70-jährige Christ macht sich Hoffnungen, dem von Syrien eingesetzten Präsidenten Emile Lahoud im Amt zu folgen.

Aouns Popularität ist für Außenstehende nicht leicht zu verstehen. Hatte er doch während des Bürgerkriegs nicht nur gegen Syrer und die drusischen Verbände unter Walid Dschumblatt gekämpft. Er hatte auch einen erbitterten und blutigen Kampf gegen die christliche „Miliz Libanesische Kräfte“ unter Samir Geagea aufgenommen.

Von seinen Anhängern wird er als einer der wenigen Politiker angesehen, die nicht in konfessionellen Kategorien denken. Ein Großteil der besser ausgebildeten, christlichen Jugend hofft, dass Aoun ihren Traum von radikalen Veränderungen wahr machen kann. Doch dazu braucht Aoun Verbündete. Seine Freie Patriotische Bewegung wird vermutlich auf zehn Parlamentssitze kommen. Aber der starrsinnige Einzelgänger hat gerade das seit Monaten gewachsene Oppositionsbündnis mit Drusenführer Dschumblatt und Hariri-Sohn Saed verlassen. Aoun hatte sich zu viele Vorrechte für die Auswahl von Kandidaten herausnehmen wollen. Damit hat er sich in die Niederungen der libanesischen Politik begeben, wo Wahlkampf hauptsächlich aus Geschachere um Parlamentssitze besteht. Seine Gegner fürchten Aoun nicht nur wegen seiner Popularität. Kritiker werfen ihm Größenwahn vor – und nennen ihn in Anspielung an den französischen Kaiser „Napoleaoun“.

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