Meinung : „Ich bin immer noch ein Indianer“

Verena Friederike Hasel

So ewig scheinen die Jagdgründe nicht zu sein, wenn man sich Gojko Mitic anschaut: Immer, wenn man den Schauspieler in seiner Rolle als Berufsindianer für tot hielt, tauchte er wieder auf – derzeit als alter Indianer Bromden in der Bühnenadaption von Ken Keseys Roman „Einer flog übers Kuckucksnest“ am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin.

Die Rolle ist Mitic vertraut – so sehr, dass man nicht mehr unbedingt trennen kann zwischen dem echten Mitic und dem gespielten Indianer. In Interviews beantwortet Mitic Fragen nach seiner Person gern mit Indianerweisheiten, und seine Lieblingstiere sind Pferde – na klar, ein Schäferhund stünde einem Indianer schließlich nicht so gut zu Gesicht. Und diesen mimt Gojko Mitic nun schon seit 44 Jahren: 1940 im ehemaligen Jugoslawien geboren, spielte der Sportstudent 1963 in einer westdeutschen Winnetou-Produktion mit. 1965 zog die DDR nach mit ihren eigenen Indianer-Streifen und machte Mitic zum Star-Indianer, abgenickt von Walter Ulbricht persönlich. Zunächst war der unschlüssig gewesen, ob das zusammenpasse, Wildwestsetting und der richtige Klassenstandpunkt. Die Mitic-Filme überzeugten ihn dann aber doch davon, dass der Indianer im Grunde seines Herzens einen vorbildlichen Sozialisten abgeben würde; edel, moralisch stets überlegen und vor allem – natürlicher Feind des US-Amerikaners der Neuzeit. Und so wurde ein Indianerfilm nach dem anderen produziert, 13 insgesamt, und in jedem spielte Mitic die Hauptrolle, meist oben ohne in seinem Kampf gegen die Weißen, dabei außerordentlich breit und schön anzuschauen – kein Vergleich mit der West-Rothaut Pierre Brice, bei dem man stets fürchtete, dass er sich beim rasanten Galopp auf seinem Pferd verkühlen würde. 1992 übernahm Mitic die Rolle von Brice bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg und mimte dort in 1024 Vorstellungen den Winnetou. Letztes Jahr starb er bühnenwirksam – um nun wiederaufzuerstehen. Dass er dafür eine psychiatrische Klinik gewählt hat, mag als Hinweis auf den Gemütszustand der Deutschen gelesen werden. Mitunter wünscht man sich, dass es dem Gesamtdeutschen so gehe wie Mitic: Nichts zu sehen von Bruch in der Biografie oder tragischem Wendeschicksal, einmal Indianer, immer Indianer, wenn auch in unterschiedlicher Couleur. Könnten wir uns doch alle so oft neu erfinden und dennoch treu bleiben wie Gojko Mitic.

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