Meinung : „Ich bin nirgends…

Caroline Fetscher

… ganz zu Hause.“

Das sagt der schriftstellernde Jurist von sich selbst, hin- und hergerissen zwischen  Paragraphen und Metaphern. Bernhard Schlink, bekannt eher als Bestsellerautor denn als  Staatsrechtsprofessor, hat jetzt eine so ehrenvolle wie heikle Aufgabe erhalten. Schlink soll die Regierung Schröder vor dem Verfassungsgericht in Karlsruhe vertreten, als Prozessbevollmächtigter im Streit um vorgezogene Wahlen.

„Organklagen“ eingereicht haben zwei Abgeordnete, weil sie die Auflösung des Bundestags durch Bundespräsident Horst Köhler für nicht verfassungsgemäß halten. Gleich ein ganzer Tross wird sich also Anfang der Woche nach Karlsruhe aufmachen, Innenminister Schily, als Vertreter der Bundesregierung, Präsidialamtschef Staatssekretär Jansen, Verfassungsrechtler Wieland als Vertreter des Bundespräsidenten, weitere Berater, Assistenten. Und eben Schlink. Seinen Namen assoziiert man nicht nur in Deutschland mit dem schmalen Romanband „Der Vorleser“, der es als erstes Buch eines Deutschen auf Platz eins der Bestsellerliste der „New York Times“ brachte. 

Im „Vorleser“ geht es um eine 36-jährige Analphabetin, die einen 15-Jährigen verführt, der später Jura studiert, und dann herausfindet, dass seine erste Liebe einmal KZ-Wärterin gewesen war. Alle Figuren bleiben im Zweideutigen, alles schillert. Amerika liebte die Mischung aus Sex, Nazi und Moralfragen fast noch mehr als Deutschland. Schlinks Doppelkarriere war spätestens mit diesem Erfolg etabliert. Der 1944 bei Bielefeld geborene Professor für Öffentliches Recht an der Humboldt-Universität zu Berlin und Verfassungsrichter in Nordrhein-Westfalen hätte sich allein von den „Vorleser“-Tantiemen zur Ruhe setzen können. Doch für den Sohn eines Theologieprofessors scheint Askese den Vorrang zu haben. Fleißig war Schlink bereits im Jurastudium in Heidelberg und Berlin, als Assistent in Heidelberg, Darmstadt, Bielefeld und Freiburg, und als Professor für Verfassungs- und Verwaltungsrecht in Bonn. 1988 wurde er Verfassungsrichter in Nordrhein-Westfalen, gleich nach dem Fall der Mauer zog er nach Berlin und half bei der Ausarbeitung einer Übergangsverfassung für die DDR. Während eines Freisemesters in Aix-en-Provence begann er zu schreiben.

Von Schröders Mannschaft wurde Schlink gewiss nicht wegen der Titel seiner frühen Romane engagiert. Sie handeln von einem Privatdetektiv namens Selb und lauten: „Selbs Justiz“ und „Selbs Betrug“.

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