Meinung : „Ich bin nur der Chef einer kleinen Behörde“

Katja Füchsel

Das ist so gar nicht nach seinem Geschmack. Dass die Boulevardzeitungen Detlev Mehlis jetzt als „Helden“, „den mutigsten Mann Berlins“ feiern und die Menschen in Beirut mit bedruckten T-Shirts und Transparenten durch die Gegend ziehen: „Thank you, Mister Mehlis“, steht darauf und: „I love Mehlis“. Dieser Personenkult dürfte dem 56-jährigen Oberstaatsanwalt eindeutig zu weit gehen. Denn der Berliner Jurist, der im Frühsommer von der UN den Auftrag bekam, den Mord an dem ehemaligen libanesischen Präsidenten Rafik Hariri aufzuklären, stapelt gerne tief. Er erledige hier lediglich seinen Job als Behördenleiter, sagt der Mann mit den raspelkurzen Haaren dann. „Ich bin doch nur der Chef einer kleinen Behörde mit 110 Leuten.“

Das indes dürfte ihm spätestens seit vergangenen Donnerstag niemand mehr abnehmen. Es war der Tag, an dem der Berliner Ankläger seinen Ermittlungsbericht an UN–Chef Kofi Annan in New York übergab. Es ist nur sein Zwischenbericht – und doch schlug er gewaltig ein. Denn Mehlis und seine Ermittler kommen auf den 58 Seiten zum Schluss, dass ranghohe Offiziere der syrischen und libanesischen Sicherheitskräfte in das Attentat, das Hariri und 20 weitere Menschen im vergangenen Februar das Leben kostete, verwickelt waren. 22 Beschuldigte führt Mehlis in seinem Report auf – wer den Anschlag angeordnet hat, ist allerdings weiterhin offen.

Deshalb wird Mehlis noch in dieser Woche nach Beirut zurückkehren, zurück auf den Grünen Hügel. Das „Monteverde“ ist ein Hotel in bester Lage, das die Libanesen zu einem Hochsicherheitstrakt umgebaut haben, umgeben von Panzerwagen, Sperren und Stahlschranken. „Als alter Berliner fühlt man sich angesichts der Kontrollhäuschen an die Mauerzeiten erinnert“, scherzte Mehlis nach seinem Einzug ins „Monteverde“. Bis zum 15. Dezember wird er hier mit seinem Team leben und arbeiten; noch einmal verlängert werden kann sein UN-Mandat nicht.

Man mag es sich kaum vorstellen, dass Mehlis dann wieder in sein karges Dienstzimmer im Berliner Kammergericht ziehen wird, wo seine Reisefotos aus Amerika, Beirut und Venedig an der Wand hängen. „Mehlis ist das Beharrlichste, was ich kenne“, sagt sein Chef Dieter Neumann, Berlins ranghöchster Ankläger. Seine Ausdauer und Beharrlichkeit bewies Mehlis bereits bei der Untersuchung des Anschlags auf die West-Berliner Diskothek „La Belle“ im Jahr 1986 mit drei Toten und mehr als 200 Verletzten. Es war Mehlis, der rund 15 Jahre später bewies, dass hinter dem Anschlag der libysche Geheimdienst steckte. Nach fünf Monaten Beirut gibt er jetzt unerschrocken den syrischen und libanesischen Sicherheitskräften die Mitschuld an dem Attentat auf Hariri.

Nur ein Job – aber ein lebensgefährlicher. Vierzig Sicherheitsexperten hat die UN in Beirut für Mehlis abgestellt, dazu kommen libanesische Polizisten und Soldaten. Mehlis zählt heute zur Elite der Vereinten Nationen. Für seine Mission haben sie ihn extra zum Stellvertretenden UN-Generalsekretär ernannt, womit er formal zur Nummer drei der Weltgemeinschaft aufstieg. Wenn er mal ausnahmsweise nicht untertreibt, gibt Mehlis zu, dass die Erwartungen der UN, die Hoffnungen der Opfer und ihrer Familien, ja, des gesamten libanesischen Volkes „wie Zementsäcke“ auf seinen Schultern lasten. Erschwerend komme hinzu, dass „wir uns hier auf einem politischen Minenfeld“ bewegen.

Am morgigen Dienstag soll der Berliner dem UN-Sicherheitsrat Frage und Antwort stehen. Auf die Dienste der Dolmetscher wird der Oberstaatsanwalt kaum angewiesen sein: Mehlis spricht fließend Englisch und Französisch.

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