Meinung : „Ich dachte, das wird wohl heute nichts“

Benedikt Voigt

Am Verhalten des Bundestrainers Hermann Weinbuch lässt sich ein Zieleinlauf bei der Nordischen Kombination gut ablesen. Am Samstag schrie er beim letzten Anstieg Georg Hettich an: „Der Moan kommt nicht mit, oh, oh.“ Dann blickte er ungläubig seinem Läufer hinterher. „Der Schorsch geht ab“, rief er in sein Funkgerät, „ich glaub’s nicht.“ Aufgeregt rannte und rutschte er einen Hügel hinunter, gleichzeitig kommentierte er die Ereignisse, die sich im Zielraum des Langlaufstadions von Pragelato abspielten. „Ich glaub’s nicht“, wiederholte er, „der Schorsch wird Olympiasieger.“ Der Rest ist lautes Juchzen.

Hettichs Goldmedaille in der Nordischen Kombination hat sogar den eigenen Trainer überrascht. Zwei vierte Plätze bei der Weltmeisterschaft 2003 waren bisher sein bestes Ergebnis. „Normalerweise stehen Ronny Ackermann und Björn Kircheisen ein bisschen vor ihm“, sagt Hermann Weinbuch. In Pragelato aber bestritt der zurückhaltende 27-Jährige, der noch nie in einem Weltcup den ersten Platz belegt hat, den Wettbewerb seines Lebens. „Nach acht Kilometern dachte ich, o je, das wird wohl heute nichts“, sagte Hettich, „aber auf den letzten 20 Metern habe ich gewusst, dass ich gewinne“.

Bisher galt er als einer, der sich zu schnell zufrieden gibt. „Ihm hat die letzte Entschlossenheit gefehlt“, sagt Weinbuch. Hettich bezeichnet das als seine eigene Art. „Ich gehe besonnen an die Dinge ran“, sagt er, „aber das, was ich mache, mache ich richtig, auch wenn es lange dauert.“ Er ist der ruhigste unter den deutschen Kombinierern. Brav ließ er am Samstag die zahlreichen Interviews und Fernsehauftritte über sich ergehen.

Im Sommer studiert Hettich in Schwenningen Medizintechnik, der Winter ist vom Sport ausgefüllt. Seine Eltern wohnen in Schonach im Schwarzwald, wo sie seinen spektakulären Sieg im Fußballheim bejubelten. Zwei Sponsoren unterstützen ihn, doch viel Geld lässt sich mit seinem Sport nicht verdienen. „Das macht nichts“, sagt Hettich, „mir gefällt mein Sport einfach“. Seine große Stärke ist das Springen. Am Samstag segelte der nur 64 Kilogramm leichte Athlet im zweiten Sprung auf 104 Meter, die größte Weite des Tages, und landete auch noch sehr ansehnlich. „Dass ich den Telemark gesetzt habe, war herausragend für mich“, sagte Hettich. Er ist es als guter Springer gewohnt, als einer der Ersten in die Loipe zu gehen. Dann aber überholen ihn normalerweise die stärkeren Läufer. Diesmal nicht.

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