Meinung : „Ich dachte, ich müsste sterben“

Michael Schmidt

Raus aus dem Urwald, rein in die Regierung: Sechs Jahre, gut 2200 Tage, hat Fernando Araúja als Geisel der marxistischen Farc-Guerilla im kolumbianischen Dschungel gehaust, gelebt, gelitten. Bis ihm am 31. Dezember 2006 die Flucht gelang. Jetzt, kaum sieben Wochen nachdem er seinen Peinigern entkommen ist und sich zum Teil auf allen vieren durch die Wildnis robbend, ohne Wasser, in die Zivilisation retten konnte, hat ihn Präsident Alvaro Uribe zum Außenminister des bürgerkriegsgeplagten Andenstaates ernannt.

Er sei glücklich, sagte der frühere Entwicklungsminister, ein „Sandkörnchen zum Aufbau eines neuen Kolumbiens“ beitragen zu können. Seine Vorgängerin, die 35-jährige María Consuelo Araújo – mit der er nicht verwandt ist – hatte am Montag wegen möglicher Kontakte ihrer Familie zu den wegen zahlreicher Massaker berüchtigten ultrarechten Paramilitärs zurücktreten müssen: Ihr Bruder, zuletzt Senator, war vergangene Woche festgenommen worden – wie sieben weitere Abgeordnete der Regierungsparteien, die ihre Wahl der Verbindung zu Todesschwadronen verdanken sollen.

Der neue Außenminister, gelernter Ingenieur, war am 4. Dezember 2000 in seiner Heimat-, der Hafenstadt Cartagena, entführt worden. Ziel der Guerillas, in deren Händen sich zahlreiche Politiker und Prominente befinden, darunter auch die ehemalige Präsidentschaftskandidation Ingrid Betancourt, ist der Austausch der Geiseln gegen inhaftierte Kampfgenossen. Doch Präsident Uribe – Wahlkampfslogan: „Mit harter Hand und großem Herzen“ – ist zu keinerlei Verhandlungen über einen solchen Austausch bereit. Er setzt auf Gewalt gegen die Rebellen – und, viel kritisiert, auf Friedensverhandlungen mit den Paramilitärs.

Seit 2004 legten fast 32 000 Milizionäre ihre Waffen nieder. Zugleich jedoch kamen mehr und mehr deren enge Verbindungen zu Politikern und Unternehmern ans Licht. Araújos Berufung ist daher wohl auch der Versuch eines Befreiungsschlages der Regierung. Uribe steht unter Druck. Kolumbien bemüht sich zurzeit um verstärkte Finanzhilfe der USA. Der Kongress aber zeigt sich besorgt über die jüngsten Enthüllungen: US-Senator Patrick Leahy sagt, die kolumbianische Regierung müsse überzeugend darstellen, dass sie keine Verbindungen zu terroristischen Gruppen mehr unterhalte.

Das dürfte, nach allem, was man heute weiß, sehr schwierig werden.

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