Meinung : „Ich glaube, dass ich ein normales Leben führe“

Stephanie Nannen

Normal ist sie nicht. Klein ist sie und wirkt noch viel kleiner, auf eine winzige Weise zart – und manchmal erscheint sie von ihrer forschen, kräftigen Art erschüttert. Außerdem ist sie nun über eine lange Zeit Frau des Bundeskanzlers gewesen, auch nicht üblich.

Letzteres hat sie daran gehindert, einen „normalen“ Beruf auszuüben, zumindest den, den sie gelernt hat, damals in Augsburg, bei der „Allgemeinen“, und der sie mit 23 Jahren das jüngste Mitglied der Bundespressekonferenz in Bonn werden ließ. Doris Schröder-Köpf wollte schon als Kind nicht normal sein. So schnell sie nur irgend konnte, verließ sie ihren Heimatort Tagmersheim (bei Augsburg).

Bald wanderte sie für eine Weile nach New York aus, verliebte sich in die Stadt und ließ den Vater ihrer älteren Tochter Klara dort zurück, als die Liebe vorbei war.

Sieben Jahre war sie Kanzlergattin – was übrigens keinen in der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland verankerten Aufgabenbereich meint, sondern schlicht eine semiprivate Tatsache ist, an der sie die Öffentlichkeit wie keine Zweite teilnehmen ließ. Vermissen wird man das schon: Sie ging einem das eine oder andere Mal fürchterlich auf die Nerven mit ihren andauernden Einmischungen in Dinge, die sie doch eigentlich nicht wirklich etwas angingen. Oder? Ihre Vorgängerinnen jedenfalls hielten sich alle innerhalb der ihnen (von wem eigentlich?) zugewiesenen Grenzen auf.

Nicht sie: Beim Wahlkampf 2002 mutierte Doris Schröder-Köpf sogar zur Kultfigur, und der Slogan „Der Doris ihrem Mann seine Partei“ war in aller Munde. Dieses Mal hätte sie es fast geschafft. Sie hatte sich eine ganze Weile herausgehalten, kaum Interviews gegeben, sich in Hannover, ganz Hausfrau und Mutter, um die Adoptivtochter Viktoria, um wohltätige Arbeiten und um den Papst gekümmert. Und dann hat’s sie wieder hingerissen: Angela Merkels Politik sei mit schuld an fehlenden Kindern heute, sagte sie der „Zeit“, und dass die Biografie der Kanzlerkandidatin nicht derjenigen der meisten Frauen entspräche … Nun ist Doris Schröder-Köpf nicht nur nicht eine dieser „meisten Frauen“, sondern noch dazu nicht dumm, sie weiß ganz genau, wie so ein Satz in der Vorwahlzeit wirkt und dass er wirkt.

Man fasst sich doch an den Kopf. Sie ist keine Politikerin – auch wenn sie schon früh aus Überzeugung und vielleicht, um ein wenig gegen die Norm zu gehen, der SPD in Bayern beitrat. Sie hat auch gar nicht wirklich in jedem Bereich der Politik so sehr viel Ahnung, wie sie haben müsste, wäre sie tatsächlich die maßgebende Beraterin ihres Mannes, des Bundeskanzlers, als die sie gelegentlich bezeichnet wurde. Obwohl auch ihr sein Amt fehlen würde, mehr noch als ihm vielleicht, denn die Macht mag sie.

Sie fühlt sich zuständig. Eine Strategie steckt nicht unbedingt dahinter. Sie findet in solchen Fällen wirklich, dass sie Recht hat mit ihrer Meinung über Angela Merkel und auch das Recht, sie allen zu sagen. Da spricht nicht die politische Journalistin, die sie mal war, da spricht auch nicht die Kanzlergattin – das sind die Äußerungen von Doris S. aus Hannover: leidenschaftlich, aufbrausend, sich manchmal selbst ein wenig wichtiger nehmend als unbedingt nötig, frisch, beschützend herzlich, übers Ziel hinausschießend, mütterlich, kämpferisch, herzlich sozialdemokratisch, lebendig bürgerlich, Frau. Frauen sind eben so, das ist ganz normal.

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