Meinung : „Ich habe den Katholizismus nie verlassen“

Martin Gehlen

Er war sein Leben lang ein Einzelgänger – und zählt dennoch zu den bekanntesten deutschen Theologen der Gegenwart. Als Klaus Berger 1967 in München mit der These promovieren wollte, Jesus habe das jüdische Gesetz nie aufgelöst, sondern nur ganz und gar eingelöst, wurde seine Dissertation als häretisch verworfen. Er durfte nicht Priester werden, die Laufbahn als katholischer Hochschullehrer war ihm verwehrt. Heute steht die Aussage im Katechismus der katholischen Kirche. 1971 habilitierte Berger an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Hamburg und fand 1974 an der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Heidelberg „Asyl“. Das bewahrte ihn – wie er heute rückblickend sagt – vor 40 Jahren Arbeitslosigkeit. Seither hat Berger über 80 Bücher veröffentlicht, brillant formulierte Werke, die auch für theologische Laien gut zu lesen sind. Gleichsam als Summe seines Forscherlebens legte der 65-Jährige im Frühjahr 2005 ein 700 Seiten starkes Werk über Jesus vor.

In wenigen Monaten wird er emeritiert. Doch kurz vor dem Ende seiner akademischen Laufbahn eskaliert nun ein schon länger schwelender Streit um seine Person, bei dem offenbar Verschiedenes zusammenkommt. Dem EKD-Vorsitzenden Wolfgang Huber ist Berger, der immer wieder als ein Kritiker der ökumenischen Bewegung auftritt, schon länger ein Dorn im Auge. Jüngst erst warf er ihm in einem gereizten Leserbrief in der FAZ vor, nicht genug von der Ökumene zu verstehen und die „Spielregeln des akademischen Anstands“ zu missachten. An anderer Stelle nannte er Berger einen „vorkonziliaren Eiferer“. Jetzt legt Robert Leicht, von 1997 bis 2003 EKD-Ratsmitglied, in der „Zeit“ nach und wirft Berger sogar Konfessionsschwindel vor. Berger habe stets behauptet, evangelisch zu sein, und damit die gläubige Welt an der Nase herumgeführt, schreibt Leicht und spricht von „Skandal“, „Camouflage“ und einem „Stück Lüge in der Theologie“, die doch eine Wahrheitswissenschaft sei.

Berger dagegen legt Wert darauf, nie aus der katholischen Kirche ausgetreten zu sein. Ihn habe auch nie jemand danach gefragt. Vor drei Wochen legte er sein „Arrangement“ in Heidelberg erstmals offen: „Wahr ist, dass ich nie aus der katholischen Kirche ausgetreten bin. Dass ich seit 1974 evangelische Kirchensteuer zahle und an der Heidelberger Fakultät Asyl genieße, erfolgte nicht ganz ohne Billigung der Erzdiözese Freiburg.“ Dann brach der Sturm los.

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