Meinung : „Ich habe ein Ziehen ...

Carsten Brönstrup

… in der Magengrube.“

Mitunter mutet die Fülle der Ehrentitel für den Mann merkwürdig an. Vom „Orakel von Washington“ reden Börsenexperten und Finanzpresse, vom „Magier der Märkte“, gar vom „Hohepriester der Ökonomie“. Dabei ist Alan Greenspan nur ein 78-jähriger, hagerer Greis, der einer Behörde vorsteht, die sich mit so spannenden Dingen wie Wechselkursrelationen, Geldströmen oder Preisentwicklung beschäftigt. Aber auch mit den Leitzinsen der Vereinigten Staaten – und deshalb umweht Greenspan die Aura eines Stars.

Denn die Zinsen haben entscheidenden Einfluss auf die Wirtschaft der USA und die der ganzen Welt. Die Zinshöhe entscheidet darüber, zu welchem Preis sich Firmen und Verbraucher Kredite besorgen können, welche Richtung die Kurse von Aktien und Anleihen nehmen und ob Euro, Dollar oder Yen an Wert gewinnen oder verlieren. Kurz: Greenspan und sein Zentralbankrat bewegen mit ihren Analysen und Beschlüssen Milliarden von Dollar. Auch jetzt wieder: Es geht aufwärts mit den Zinsen – zum ersten Mal seit Mai 2000, und vermutlich noch mehrere Monate lang. Denn parallel zur prächtigen Erholung der US-Wirtschaft mit 1,4 Millionen neuen Jobs ist die Inflationsrate bedrohlich angestiegen. Dagegen hilft nur eine Verknappung des Geldes.

Es geht dabei auch um den Platz des studierten Jazzmusikers Greenspan in den Geschichtsbüchern. Sollte die Fed, die Federal Reserve, ihre Zinssätze zu rasch und zu stark anheben, könnte sie den Aufschwung abwürgen. Das wäre aber untypisch für Greenspan, beschwichtigen seine Fans. Seit 1987 habe er die Wirtschaft mit viel Fingerspitzengefühl gesteuert – und so in den 90ern die Basis für den längsten Boom in der US-Geschichte gelegt. Auch im Abschwung ab 2001 habe Greenspan klug reagiert und sei Rezession, Kriegen und Terror mit beherzten Zinssenkungen begegnet.

Seine Kritiker halten ihm jedoch vor, das Entstehen einer riesigen Blase an den Aktienmärkten nicht verhindert zu haben. Auch beim Kampf gegen die Inflation komme die Fed zu spät. Alan Greenspan ficht das kaum an. Froh über die Berufung zur fünften Amtszeit pflegt er in den Öffentlichkeit sein Bild eines kauzigen Propheten: Er steige täglich um 5 Uhr 30 in die Badewanne, um über die Lage der Wirtschaft zu sinnieren, ließ er einmal verlauten. Und die Notwendigkeit eines Zinsschrittes begründet er schon mal damit, dass er „ein Ziehen in der Magengrube“ spüre.

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